Ralph Müller-Wagner

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„Man trifft nur einmal ein Genie“

Portrait von Ralph Müller-Wagner

Ralph Müller-Wagner

Was empfindet jemand, dem die große Ehre zuteil wird, einem Film-und Fernsehstar wie Elisabeth Wiedemann gegenübersitzen zu dürfen und mit ihr über das Leben zu plaudern? Ihr geschätztes arbeitsreiches Leben. Er empfindet Hochachtung vor dem Lebenswerk dieser liebenswerten, außergewöhnlichen Persönlichkeit. Hochachtung vor dem sympathischen Menschen Elisabeth Wiedemann. Hochachtung vor der Ehefrau Elisabeth Wiedemann-Mengedoht.
Das romantische schmucke Häuschen mit dem Namen LARISA, in alpenländlicher Idylle gelegen, in dem die Grand-Dame des Theaters mit Ehemann Werner Mengedoht während der Sommer- und Herbstmonate residiert, ist ein Ort der Stille. Ein Ort des Friedens, der Entspannung und der Liebe. Wir sitzen in der gemütlichen Stube. Draußen grüßt ein tiefblauer Herbsthimmel. Die Sonne lacht und das Gold des späten Nachmittags lässt unsere Herzen höher schlagen.
Die eher unscheinbar gekleidete, immer noch schöne Frau mit dem schneeweißen Haar und den klaren ausdrucksstarken Augen bietet mir mit warmer Stimme höflichst einen Platz an. Gutes Benehmen und Etikette scheinen dem achtzigjährigen Star sehr viel zu bedeuten, denke ich mir. Keine Hochnäsigkeit, keine versteckte Arroganz. Sie sagt was sie denkt. Sie weiß wovon sie redet und vor allem, wie sie ihre Gedanken ausspricht, im klaren Hochdeutsch und mit Betonung, fasziniert mich auf das Äußerste.


Ralph Müller-Wagner im Gespräch mit Elisabeth Wiedemann (* 8. April 1926 in Bassum; † 27. Mai 2015 in Marquartstein)

Elisabeth Wiedemann wird 1926 geboren. Sie stammt mütterlicherseits aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie, väterlicherseits aus einer evangelischen Pastorenfamilie im alten Land. 1930 geht der Vater nach Berlin und wird Landgerichtsdirektor in Moabit. So wächst die kleine Elisabeth in Berlin auf. Als 1933 die dunkelste Nacht über Deutschland zieht, wird der Vater wegen politischer Unzuverlässigkeit von den Nazis entlassen. Das fleißige Mädchen tanzt schon mit fünf Jahren ihrer Mutter vor. Sich zu produzieren, den anderen etwas zeigen, reizt sie schon damals. So wird das spätere künstlerische Schaffen der Wiedemann seit frühester Kindheit geprägt. Ein Geschenk der Schöpfung, im großen Theater des Lebens eine ganz eigene Rolle spielen zu dürfen, die sie gerne annimmt.
Bei Tatjana Gsovsky, Ballettmeisterin an der Deutschen Staatsoper in Berlin, nimmt sie Ballettunterricht und wird von 1945 - 1947 zu ihrer Freude engagiert. Dort begegnet sie dem großen Schauspieler Gustav Gründgens, der seit 1946 wieder am Deutschen Theater spielt. Die junge Wiedemann aber ist von Gründgens Schauspielkunst überwältigt. „Dieser Mann hatte eine Ausstrahlung, der sich niemand entziehen konnte“, sagt sie bewegt. Gründgens findet Gefallen an der hübschen talentierten Tänzerin, die ihm erfolgreich einen Monolog aus Pirandellos Stück „Sechs Personen suchen einen Autor“ vorspricht und nimmt diese mit ins Düsseldorfer Schauspielhaus, wo er 1947 Generalintendant wird.
Ohne schauspielerische Ausbildung angekommen, sitzt die Wiedemann jahrelang im Zuschauerraum, studiert die großen Schauspielerinnen jener Zeit, wie Flickenschild, Hoppe oder Weißgerber. Geld für Schauspielunterricht hat die einundzwanzigjährige nicht, aber Gründgens glaubt an sie. So erhebt er sich schließlich zum Grand-Mentor der Schauspielkunst für Wiedemann, der auf einem unerreichbaren Podest steht. „Man trifft nur einmal im Leben ein Genie“, sagt sie voll Ehrfurcht in der Stimme zu mir.
Von 1947 an ist die Künstlerin für acht Spielzeiten Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus. Später gastiert der Star an vielen großen Bühnen im deutschsprachigen Raum. Darunter zählen Wien, Köln, München, Hamburg und Hannover. Ihr Repertoire umfasst verschiedene Rollen. So spielt sie beispielsweise in der Erstaufführung von „Kiss me Kate“, am 19.11.1955 an den Städtischen Bühnen in Frankfurt die jüngere Schwester von Kate, die sanfte, hübsche liebe Bianca.
Seit Mitte der fünfziger Jahre zählt sie zu den Schauspielerinnen, die permanent im neuen Medium Fernsehen auftreten. Erste Filmerfahrungen sammelt sie bereits 1947 im Spielfilm-Drama „Ehe und Schatten“, von Kurt Maetzig. Große dramatische Rollen liegen ihr besonders, wie die Ilse in Wedekinds „Frühlings Erwachen“ oder „Die Frau am Meer“, von Ibsen. Bis heute lässt sich die Königin des Theaters mit den unendlichen Gesichtern in kein Schema pressen. Schlag auf Schlag geht es weiter. 1956 spielt sie die Chefsekretärin Jutta Schäfer in „Herr Hesselbach und die Firma“. 1961 ist sie sogar am Deutschen Theater in Santiago de Chile als Regisseurin tätig, wo sie Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ inszeniert. 1966 spielt der Star die Octavia in „Der Ritter vom Mirakel“, im gleichen Jahr erhält Wiedemann die Goldene Kamera der TV-Zeitschrift Hörzu. 1970 spielt sie Mrs. Wagner in „Schmetterlinge weinen nicht“, daneben arbeitet sie auch als Sprecherin für Hörspiel und Synchronisation. Der erste große Knaller folgt 1970, als sie die Frau Steinfurth in Wolfgang Menges „Das Millionenspiel“ ist, ein aufsehenerregendes Fernsehereignis jener Zeit.
Und so kommt es schließlich, wie es kommen musste. Drehbuchautor Peter Märtesheimer (Mara-Cassens-Literaturpreis, Hamburg 2000), schlägt Elisabeth Wiedemann für die Rolle der Else Tetzlaff in DER Fernsehserie aller Zeiten „Ein Herz und eine Seele“ vor, die auch nach über 30 Jahren ein Nummer Eins Hit ist. Als britisches Serienkonzept von Regisseur Wolfgang Menge auf deutsche Verhältnisse übertragen, verzerrt sie perfekt deutsche Denkstrukturen und Befindlichkeit. Auch die Besetzung erweist sich als ideal. Heinz Schubert als Familiendespot mit Hitlerbärtchen, Hildegard Krekel als Tochter, Diether Krebs als mit den „Sozis“ sympathisierenden Schwiegersohn und Elisabeth Wiedemann als naive Ehefrau.
Hier zieht die Schauspielerin alle Register ihrer Schauspielkunst. Sei es die Arglosigkeit und unbekümmerte Frechheit der Kunst-Kultfigur, deren Bauernschläue oder verklemmte Zurückhaltung. Oftmals führt sie dabei selbst den qualifizierten Zuschauer in die Enge mit ihren ganz eigenen Metaphern der Darstellung von komischen Figuren, die eigentlich menschliche Schicksale offenbaren und versteckt im Kontext von ihrer Tragödie erzählen. Darin liegt zweifellos die Größe der Wiedemann und nur ganz wenige deutsche Schauspieler beherrschen diese Kunstform.
Die Rolle der Else Tetzlaff fordert den Star sehr, weil sie eine Kunstfigur ist und ein Milieu widerspiegelt, in das er nicht hineinpasst, denn alles proletenhafte ist ihm völlig fremd. Ein Mann wie Elses Alfred kann Elisabeth Wiedemann im realen Leben einfach nicht treffen. Liebe und Harmonie, gegenseitige Achtung und Hilfe sind eher die Schlagwörter, welche eine Ehe ihrer Meinung nach charakterisieren. Immer hat sie sich bemüht, bei der Rolle vom Menschen her zu kommen und nicht von der Karikatur. „Zuschauer interessieren sich für das Echte, Wahre, das Unverwechselbare“, betont sie. „Regisseur Joachim Preen, der nicht nur hohe Maßstäbe an sich setzte, forderte das ganze Ensemble mit seinen überproportionalen Qualitäten, das alles ganz stimmig war, was wir da machten“, erinnert sich Wiedemann weiter. Noch heute bedauert sie das frühe Ableben des angenehmen Menschen mit den guten Manieren.
Bei der Wiederaufnahme der Serie 1976 ist Elisabeth Wiedemann nicht mehr dabei. Nach 21 Folgen ist ihrer Meinung nach eine Rolle ausgesaugt. Außerdem habe sie verschiedene Situationen der Rolle gespielt, das Spektrum entwickelte sich künstlerisch nicht weiter und die Atmosphäre war auch nicht immer die beste. So mussten beispielsweise kurz vor der Aufzeichnung noch neue Texte gelernt werden, die große Nervosität transportierten. Nicht gerade die idealste Vorrausetzung für konzentriertes Arbeiten, denn Nervosität kann sie nicht gebrauchen. Heute würde Elisabeth Wiedemann die Else Tetzlaff nicht mehr spielen, wenn es eine Fortsetzung gäbe. Vor gut zehn Jahren existierte einmal so ein Angebot, welches sich jedoch zerschlägt.
„Lieblingsrollen habe ich nicht“, antwortet sie auf meine Frage., obwohl sie seit gut 60 Jahren auf der Bühne und im TV zu sehen ist. „Ich habe so viele tolle Rollen gespielt, das ich keine besonders hervorheben kann. Und jeder ist immer nur ein Glied in einer Kette, dem Ensemble.“ Was zum Ausdruck bringt, sie nimmt sich überhaupt nicht wichtig! Bekommt sie eine Rolle angeboten und das sind nicht wenige, prüft sie erst ihren Charakter nach Faszination und Einmaligkeit. Egal, ob es eine Neben- oder Hauptrolle ist. Dann liest sie das Stück immer wieder, bis es beginnt in ihrer Phantasie zu arbeiten. Irgendwann ein Eigenleben entwickelt, sich selbständig gestaltet. Dass sei überhaupt das Tollste an ihrem Beruf.
Während der Spielzeit am Theater arbeitet sie unter höchster Konzentration. Manche Engagements dauern bis zu drei Monaten, bei täglichem Auftritt, am Wochenende oftmals Doppelvorstellung. Und immer das Beste geben, denn jeder im Publikum hat das Recht, hohe Theaterkunst aufzunehmen. Das geht an die Substanz, mental und körperlich. Oft ist sie schon mittags im Theater. Dabei pflegt sie Pünktlichkeit, Fleiß, kann ihre Texte, engagiert sich sehr und bereitet keine Schwierigkeiten. Aber wenn sie mit einer Sache nicht einverstanden ist, die sie machen soll, geht die Wiedemann auch schon mal, „denn in einem Beruf sollte man in erster Linie den Charakter kultivieren“, weiß sie zu erzählen.
In den folgenden Jahren spielt die Diva hauptsächlich für das Fernsehen, vergisst aber niemals das deutsche Theater, dass sie so liebt als sei es ihr einzigstes Kind. Kritisch betrachtet sie dessen Zukunft, denn immer mehr große Häuser werden aus Geldmangel geschlossen und die Qualität der Inszenierungen lässt sehr zu wünschen übrig, da vom Handwerk nichts mehr bekannt sei. „Das Traumschiff“, „Mein Freund Harvey“, mit dem unvergessenen Harald Juhnke, „Irrwege des Herzens“, nach einer Erzählung von Rosamunde Pilcher, „Heiraten ist immer ein Risiko“, mit Carl Heinz Schroth, „Felix, ein Freund fürs Leben“, Geschichten um einen Bernhardiner, „Doktor Snuggles“, „Es begann bei Tiffany“, „Die Geschwister Oppermann“, „Is’ was, Kanzler“, „Tagebuch eines Frauenmörders“, Gastrollen bei „Derrik“, „Der Kommissar“, und „Der Alte“, „Polizeiinspektion 1“, „SOKO 5113“, „Weißblaue Geschichten“, „Otto - Der Film“, „Hausmänner“, „Liebesgeschichten“, „Zwei Schlitzohren in Antalya“, „Pension Schöller“, „Stubbe – von Fall zu Fall“, „Familie Dr. Kleist“, sind nur ein ausgewähltes kleines Spektrum ihrer Film- und Fernseharbeit. Privat lebt Elisabeth Wiedemann eher zurückgezogen, bescheiden und voller Hingabe für ihren Mann Werner Mengedoht, der auf ein neunzigjähriges arbeitsreiches Leben als Buchhändler stolz sein darf. Ihn trifft sie nach dem Tod ihres ersten Mannes, dem unvergessenen Richard Lauffen, bekannt aus Filmen wie „Menschen in Gottes Hand“, „Der Tiger von Eschnapur“, „Das Indische Grabmal“, „Der Schimmelreiter“, „Ödipussi“, Theater: „Die Räuber“, „Faust“ „Die heilige Johanna“ oder „Mephisto“, wo er gefeiert wird. Richard Lauffen kann sie niemals vergessen, denn bei ihm lernt sie, was Herzensliebe bedeutet und das diese Liebe der eigentliche Sinn des Lebens sei. Bis heute blühen die Blutrosen auf der Schauspielerin Grundstück, die er einst aus tiefer Liebe zu ihr und dem Leben, pflanzte.
Sie ist eine richtig gute Hausfrau, die Wiedemann. Alles ist sauber, hat seinen festen Platz in dem aufgeräumten schmucken Häuschen. Sie kocht, putzt selber und ihr Ehemann reicht ihr beim Wäsche aufhängen gerne den Klammerkorb. Beide essen vegetarisch, küssen und herzen sich vor meinen Augen und schreiben sich kleine Briefchen, die in der Küche an der Wand hängen. Als Beweis ihrer Liebe. Den Winter über leben die Mengedohts in Berlin, weil da nicht so viel Schnee liegt und die Stadt so herrlich ist. Die Wiedemann hört klassische Musik, Herrn Mozart und Herrn Bach verehrt sie. Rauchen, Alkohol, Unordnung und Disziplinmangel hasst die freundliche Schauspielerin mit dem weiten Herzen und dem sozialen Engagement, in deren Augen sich immer noch die Schönheit ihrer Mädchenjahre widerspiegelt. Es ist fast Wehmut, als ich mich von ihr verabschiede. Viel zu schnell verging unsere Plauderstunde. Ich bedanke mich im Namen der Redaktion und der Leser für das Interview, was eine große Ehre für mich bedeutet. Bin gespannt, in welcher Rolle sie wohl demnächst zu bewundern ist. Draußen lacht immer noch die abendliche Herbstsonne. Diesmal ist der Himmel blutrot, so wie die Liebesrosen, die Elisabeth Wiedemann so mag.