Ralph Müller-Wagner

offizielle Autorenhomepage

 

Aktuelles: Dezember 2017

Ralph Müller-Wagner

Dichtung, Liebe und Erotik

von Ralph Müller-Wagner

Wie tief darf der Stellenwert von Liebe und erotischer Liebe in der klassischen Dichtkunst oder der modernen Literatur betrachtet werden? Was gilt als unmoralisch, unzüchtig oder obszön in der Sprache Welt? Wo liegen die Grenzen des Autors? Wann verliert die plastisch erzählte Liebesgeschichte ihr Wesen, ihren Anspruch und wirkt pornografisch?
Im Verlauf der Jahrhunderte haben sich die Ansichten darüber oftmals gewandelt. Widersprüche und unterschiedliche Bewertungen sind Zeugnis charakteristischer Sittenbilder verschiedenster Klassen und Epochen, welche lange Zeit durch die katholische Kirche geprägt wurden.
Selbst Klassiker Lessing äußerte sich einmal zu diesem brisanten Thema in seinem kritisch-satirischen Text, „Zerstreute Anmerkungen über das Epigramm“. Der Dichter unterscheidet darin mit scharfsinniger Gewandtheit, Kürze und Pointierung zwischen einem gewissen Sabellus, römischer Autor galanter Nachttischlyrik und dem Gesellschaftskritiker Marcus Valerius Martialis (kurz Martial), den er lebhaft verteidigt:

„ ‚Wie?’ hätte Martial sagen können: ‚ich mit dir, Sabellus, in gleicher Schuld? Ich, der ich nichts sage, als was täglich um und neben mir geschieht; der ich es höchstens nur eben so ohne Scham sage, als es geschieht; der ich es aber auch so ohne Scham sagen muss, wenn es ein Brandmal für den werden soll, von dem ich es sage: was habe ich mit dir gemein, der zu den Lüsten, die ich durch das Lächerliche so gut zu bestreiten suche, als sich etwas Strafbares durch das Lächerliche bestreiten lässt, der du zu diesen Lüsten mit aller möglichen Beredsamkeit anreizest?’“

 

Schließlich endet Lessings Angriffsrede, indem er Martial gegen Sabellus erwidern lässt:

„Denn ich schlage und du kitzelst. Zwar höre ich, soll es auch eine menschliche Gattung von Waldeseln geben, deren dicke Haut meine Schläge selbst zu Kitzel macht. Aber wer fragt nach der?“

 

Angefangen hatten die amourösen Abenteuer in der erotischen Dichtkunst vor zweieinhalb Jahrtausenden mit dem griechischen Komödiendichter Aristophanes („Der Liebe Preis“). Ebenfalls zur Weltliteratur zählen das altindische „Pantschatantra“, das indische „Kamasutra“, die arabischen „Märchen aus 1001 Nacht“, der Sittenroman „King Ping Meh“ aus der späten Ming-Zeit, einer der bedeutendsten chinesischen Romane, die mittelalterliche chinesische Geschichtensammlung „Kin Ku Ki Kwan“ oder des viel gerühmten Boccaccios Werke. Heute schreiben vor allem Frauen anspruchsvolle erotische Literatur, die sehr viele interessierte Leser findet und die Stellung der Frau in der Gesellschaft einmal mehr in den Mittelpunkt rückt.
Erotik war niemals eine sinnliche Gabe des Himmels. Die Liebeskontakte unserer Spezies, ihre heimlichen oder ausgelebten Sinnesfreuden, ihre erotischen Exkursionen und sexuellen Sitten sind irdischer Natur und widerspiegeln die objektive Realität. Erotik als Form der Begegnung zwischen Mann und Frau. Auch Frau und Frau oder Mann und Mann? Aber ja, die aktive Welt ist offener geworden. Menschen gehen respektvoller mit dem Thema um.

Gefühle und Wahrnehmungen in Bezug auf Liebe, Sexualität und Erotik ausdrücken. Den literarischen Text ästhetisch mit dem Wortschatz gestalten, den die Semantik zur Verfügung stellt. Das Spannungsfeld zwischen Lust und Literatur wird immer vom Kontext hergeleitet, der die Story voran treibt. Pornographische Texte dagegen sind eher flach und leben von einfallslosen, aber gängigen Metaphern, die man in einschlägigen Magazinen nachlesen kann. Es muss nicht jede sexuelle Handlung genau beschrieben werden. Die Leser wissen, wie Sex funktioniert. Sie in eine Welt mit versteckter Erotik zu entführen, mit der sie sich identifizieren können, ist viel aufregender. So wie beim Film, wo die ersten Minuten entscheiden, ob der Betrachter weiter schaut oder abschaltet. Und, ist es nicht schon erotisch, wenn eine Frau die Beine übereinander schlägt, den Blicken eines Verehrers stand hält oder einfach nur aufreizend bekleidet ist? Entscheidend bei einer beschriebenen sexuellen Begegnung sind immer die Charaktere der Protagonisten, nebst ihrer Handlung, ihrer Leidenschaft, ihren Wünschen, wie sie agieren und miteinander umgehen. Die Bilder malt sich am Ende der Leser mit seiner Vorstellungskraft.
Wenn der Dichter seine erotischen Fantasien in Form von Sprache auf das Papier zaubert, verpackt in einer qualitativ anschaulichen Geschichte oder einem lyrischen Text, transportiert er zum bewegten Leser eine Welt voller Gefühle und entfacht in ihm das Feuer der Leidenschaften. Dabei kann er sich auf verschiedene Genres berufen, welche ihm die Literatur ermöglicht. Verserzählungen, Epigramme, Aphorismen, Briefe, Gedichte, Dialoge, Geschichten und Romane. Im Lustgarten der Dichtkunst blühen viele bunte Blumen und unbekannte Arten, gilt es noch zu entdecken, denn die Welt der Sinnlichkeiten ist schön, vielseitig und unerschöpflich, wie das Leben selbst.

 

Porträt

Erwin Strittmatter
E. Strittmatter
von Ralph Müller-Wagner

Er war der größte Volksschriftsteller der ehemaligen DDR. Talentierter, einmaliger Wortschöpfer mit Gespür für feinsinnige Poesie, tief greifender Wahrheit, humorvoller und anspruchsvoller Literatur. Seine Romane »Der Laden« und »Der Wundertäter« machten ihn neben weiteren erfolgreichen Werken berühmt. Man könnte auch sagen: Erwin Strittmatter war Kult im damaligen sozialistischen Deutschland. Und das nicht unberechtigt.
Der Autor wurde 1912 in Spremberg geboren. Sein Vater war Kleinbauer und Bäcker. Die Kindheit verbrachte Strittmatter in Bohsdorf (Niederlausitz), wo die Eltern auch einen Krämerladen betrieben. Im »Laden«, autobiografischer Roman, beschreibt er sein Heimatdorf näher und nennt es sorbisches Grodk. Bis zum 16. Lebensjahr lernte er am Realgymnasium und begann danach eine Bäckerlehre. Später arbeitete er in verschiedenen Berufen. So als Bäckergeselle, Tierwärter, Hilfsarbeiter, Kellner oder Chauffeur. Als Sohn der Arbeiterklasse aufgewachsen und durch Familie und Umfeld geprägt, fand Strittmatter noch vor Beginn der NS-Zeit Zugang zur SPD. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges desertierte er als Soldat. Ab dem Jahr 1945 kehrte Strittmatter zu seinen Wurzeln zurück, arbeitete wieder als Bäcker und schrieb nebenbei als Redakteur für eine hiesige Zeitung. Später war er auch als Amtsvorsteher mehrerer Gemeinden in der Niederlausitz tätig. 1951 erschien sein erster Roman Ochsenkutscher. Seit 1954 lebte er zurückgezogen als freier Schriftsteller und Pferdezüchter in Dollgow/Gransee, im Ruppiner Land, wo er den Schulzenhof kaufte, mit seiner zweiter Frau, der Lyrikerin Eva Strittmatter (1930-2011), bis zu seinem Tod. Erwin Strittmatter starb am 31. Januar 1994.
Der eigenwillige Autor, der von 1959-1961. Sekretär des des Deutschen Schriftstellerverbandes war, hielt sich an einen strikten Arbeitsplan. Gleich am frühen Morgen begann er zu schreiben. An der Tür seiner Schreibstube hing ein Schild mit den Worten: Bitte nicht stören.

Zwei seiner Zitate:

»Die wirksamste Art, Erkenntnisse zu verbreiten, ist, nach ihnen zu leben.«

 

»Der Sinn meines Lebens scheint mir darin zu verstehen, hinter den Sinn meines Lebens zu kommen.«

 

Erwin Strittmatter hinterließ mit seinen Arbeiten einen unermesslichen literarischen Schatz. Dabei verstand er es wie kein anderer, dem Volk auf die »Gosche« zu schauen. Kein Wunder also, dass man den begnadeten Autor auf das Podest »Sorbischer Volksschriftsteller«, hob. Sein autobiografischer Roman »Der Laden« wurde später auch verfilmt. In all seinen Werken setzte er sich stark mit der Entwicklung des Alltagslebens auf dem ostdeutschen Land auseinander. Man kann hier durchaus Parallelen zu Emile Zolas Werk „Die Erde“ (La terre, 1887, Weltliteratur) ziehen. Dieses Werk widerspiegelt, in eindrucksvoller Sprache verfasst, den dramatischen Zerfall einer ländlichen Familie im alten Frankreich. Bis heute einer meiner Lieblingsromane (Anmerkung des Redakteurs).
Strittmatter verstand es auch, den lesenden Geist seiner Bücher zum Nachdenken in alle Richtungen zu verleiten. Dabei untermalte er seine Arbeiten mit einer so wunderbaren zarten Poesie, Wortschöpfungen und Aha - Effekten, dass man in die Versuchung kommt, bestimmte Sätze mehrmals hintereinander genüsslich einzuatmen. Sein tiefes Gespür, für das Versteckte in der Natur, die Schönheit und Einmaligkeit des Augenblickes in Worten festzuhalten, ist eines seiner großen literarischen Verdienste. Natürlich half ihm auch seine Naturverbundenheit, die reiche Lebenserfahrung, dem Sinn des Lebens auf die Schliche zu kommen, denn in seinen Arbeiten schlummert ein tiefer See philosophischen Geistesgutes. Den Leser ergreift ein Himmel voller Demut. Er kannte das Leben, viele Arbeitsgriffe, Dank seines Aufenthaltes in verschiedenen Berufen. Empfehlenswert ist der Erzählband »3/4 hundert Kleingeschichten« , (Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1970) Zeugnis, dass auch die pointierte Kurzgeschichte ein Recht besitzt, Erzählbände zu füllen. Hier ein tiefsinniges Kleinod:

Sehnsucht

Die Wolken traten zur Seite, der Himmel klärte sich, und die Schneekristalle veränderten sich im Sonnenlicht. Viele von ihnen wechselten die Gestalt, verschwanden in der Erde und begaben sich auf die unterirdische Strecke des Wasserkreislaufs.
Nebenstrahlen des Sonnenlichts, die das menschliche Auge nicht wahrnimmt, drangen durch die Federn der Vögel, erreichten ein kleines Sonnensystem in den Vogelleibern, die Drüsen, und die Drüsen sandten ihre wunderwirkenden Säfte ins Vogelblut. Die Vögel wurden lustig, lüstig und sehnten sich.
Als der Mensch den Gesang der Vögel vernahm und die Sonne auf seiner Haut fühlte, gingen auch in ihm Veränderungen vor: Seine Singstimme löste sich, und da er nicht wusste, was er singen sollte, summte er, und seine Nasenhöhle vibrierte und setzte sein Hirn und den Sitz seiner Sehnsucht in Schwingungen.

 

Einige von Erwin Strittmatters Werken:
  • Romane:
    • Ochsenkutscher (1951)
    • Tinko (1955)
    • Der Wundertäter 1-3 (1957, 1973, 1980)
    • Ole Bienkopp (1963)
    • Der Laden 1-3 (1983, 1987, 1992)
  • Erzählungen und Kurzprosa:
    • Pony Pedro (1959)
    • Schulzenhofer Kramkalender (1966)
    • Ein Dienstag im September (1969)
    • Die Nachtigall-Geschichten (1972, 1977, 1985)
    • Selbstermunterungen (1981)
    • Lebenszeit (1987)
  • Dramen:
    • Katzgraben (1953)
    • Die Holländerbraut (1959)

Und vielleicht bin auch ich eine Spinne wie jene dort, die sich kopfunter vom Baume seilt. Und vielleicht webe auch ich da und dort mein dünnes Netz und spanne es in den Schneisen aus, und einige meiner Mitmenschen stehen vor dem Gewebe und bewundern es, und anderen ist es nichts als eine Belästigung für ihre Wimpern und Nasenspitzen.

Erwin Strittmatter

 

Die erste Lesung

Die attraktive Frau mittleren Alters ist innerlich aufgewühlt, als ihr der Postbote eine Büchersendung überreicht. Sie dankt mit einem flüchtigen Lächeln, schließt rasch die Tür, öffnet in stiller Erwartung das Päckchen. Augenblicke später hält sie ein Buch in den zitternden Händen. Ihr Gesicht strahlt vor Freude und Glück. Es ist ein Roman. Ihr Roman. Erzählt wird die bewegende Geschichte einer alleinerziehenden Mutter. In einer Gesellschaft, die von sozialer Kälte bestimmt wird. Ein alltägliches Frauenschicksal von vielen.

Die Frau kann es noch gar nicht fassen, denn nun ist sie eine richtige Autorin. Immer wieder liest sie ihren Namen auf dem Buchcover. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ein Traum, den sie unaufhörlich lebt. Der ihre Kindheit zieht, ihre Jugend. Sie ist zu Tränen gerührt.

Was hat sie nicht alles für Kraft, Ausdauer oder Fleiß in dieses Buchprojekt getragen. Wie viel persönliche Entbehrungen auf sich genommen. Zwölf Publikumsverlage lehnen das Manuskript ab, weil ihre Programme einfach ausgefüllt sind. Aber beim dreizehnten Versuch klappt es schließlich. Ein aufstrebender, erfolgreicher Kleinverlag sichtet das Manuskript, nimmt es in sein Programm auf.

Wie intensiv die Druckerschwärze riecht, denkt sich die junge Autorin mittleren Alters. Wie schön der Einband gestaltet ist. Wie frisch ich auf dem Foto aussehe. Ach, wie dankbar ich dem Verlag bin, der an mich geglaubt, das Buch publiziert hat. Fünfhundert Seiten Gedankengut. Ihr Gedankengut. Fünfhundert Seiten Schmerz, Verzweiflung, Liebe, Enttäuschung, Hass, Hoffnung. Jetzt ist ihr Werk endlich in der realen Welt angekommen und sie spürt des Buches Drang, seine Leserinnen und Leser zu erreichen. Aber ganz so einfach ist jenes Bedürfnis nicht. Sie weiß, ein Buch verkauft sich nicht von allein, wenn es geschrieben ist. Es will vermarktet sein. Der engagierte Verlag wird sie dabei unterstützen. Er hat Werbung geschaltet, Rezensionsexemplare an die Presse und den Rundfunk verschickt, verfügt über gute Kontakte zu Buchhandlungen. Auch auf seiner Verlagsseite im Internet betreibt er einschlägig Werbung, ohne die sich ein Buch sehr schwer verkaufen lässt. Das Verlagsteam ist bemüht, seine Autorin in die Marketing-Strategie einzubinden. Das kollektive Miteinander festigt die innere Überzeugung zum Produkt Buch.

Während eines Meetings erarbeiten sie gemeinsam ein Konzept. Jeder unterbreitet konkrete Vorschläge, die in Form von Schlagwörtern an eine Tafel geschrieben werden.

Wie erreicht man gezielt mehr Öffentlichkeit, den interessierten Leser, die Zielgruppe. Eine Anzeige im Deutschen Börsenblatt wird geschaltet, damit Buchhandlungen vom Erscheinen des Buches erfahren und sie es vielleicht einlisten. Die Vorstellung auf kleineren, effekttieferen Buchmessen ist ein weiterer Gesichtspunkt. Die Autorin lässt sich Visitenkarten drucken, mit Buchtitel und ISBN - Nummer. Sie wird einen anspruchsvollen Internetauftritt erhalten. Eine offizielle Autorenhomepage mit Biographie, Bibliographie, Buchvorstellung, Leseprobe, Rezensionen. Auch fällt ganz unweigerlich das Wort Lesungen. Man schlägt ihr vor, sich mit ihrem Werk einem Publikum zu präsentieren. Da schlägt sie ängstlich die Hände über dem Kopf zusammen, zieht eine säuerliche Miene. Sie hat noch nie jemandem etwas vorgelesen. Der Marketing-Chef beruhigt seine Jungautorin, spricht ihr Mut zu. Ein Schriftsteller braucht Öffentlichkeit, um sich und seine Werke ins Gespräch zu bringen, seinen Bekanntheitsgrad zu fördern.

Eine Woche später sind Termin und Location für die erste Lesung bereits gefunden. Die örtliche Stadtbibliothek hat sich angeboten. Buchhandlungen des Landkreises sind im Gespräch. Eine Gruppe alleinerziehender Muttis bittet zur Lesung mit anschließender Diskussionsrunde. Das Verlagsteam ist begeistert. Die Autorin weniger. Ihr wird ganz mulmig in der Magengegend, wenn sie nur an das Wort Lesung denkt.

Wie gestalte ich bloß die erste Veranstaltung? Wie kriege ich das Lampenfieber in den Griff, besiege meine Angst vor dem Publikum? Wie beginne ich? Welche Textstellen trage ich vor? Was ist, wenn ich versage, kein Ton über die Lippen fährt? Ist meine Stimme in Ordnung? Verspreche ich mich auch nicht? Werden mich die Leute in der hintersten Reihe verstehen? Ob ich mit Mikrofon lese? Muss ich eventuell Fragen zum Thema oder den Hauptfiguren beantworten? Kommt überhaupt jemand? Sind Bekannte oder Freunde unter dem Publikum, die ich persönlich eingeladen habe? Was ziehe ich an? Lege ich mir eine neue Frisur zu? Immer wieder versucht sie die vielen Fragen zu beantworten. Sie hat diese alle sauber auf einem Blatt Papier notiert. Oberflächlichkeit passt nicht zu ihr. Zu einem Schriftsteller schon gar nicht.

In den folgenden Tagen sammelt sie praktische, wertvolle Tipps von erfahrenen Autoren im Internet, die in konstruktiven Autorenforen tätig sind, sich gegenseitig unterstützen. Dort fühlt sie sich gut aufgehoben. Transparenz und Qualität sind das Bestimmende. Selbstdarsteller und Möchtegern - Autoren haben bei diesen Arbeitsgruppen keine Alternative. Sie werden schnell ausgemustert.

Die motivierte Autorin nutzt auch die Gelegenheit, zwei Lesungen bekannter Kollegen in der Nachbarstadt zu besuchen. Sie vergleicht, wägt ab, zieht ihre Schlüsse aus den „Lehrbeispielen“ der ganz besonderen Art. Zuhause macht sie Atemübungen, setzt sich vor den Spiegel in ihrem Ankleidezimmer, beginnt langsam mit Betonung den ausgewählten Text aus ihrem Roman zu lesen. Dabei schaut sie öfter in den Spiegel, als ob sie in das Publikum blicken würde. Dialogszenen spricht sie mit Gefühl, hebt oder senkt ihre Stimme. Schon bald stellen sich kleine Erfolge ein. Textsicherheit ist garantiert. Sie schaltet das Tonbandgerät aus, spult das Band zurück, hört sich das Vorgetragene noch einmal genau an. Zufrieden geht sie voller Erwartung ins Bett, denn bald erwacht ein neuer Tag. Ein Tag, den es zu erobern gilt. Es wird ihr Tag sein.

Abends, kurz vor 20 Uhr. Die Veranstaltung beginnt. Scheinwerfer sind mitten auf die Bühne gerichtet, wo ein Stuhl und ein mit Blumen gedeckter Tisch stehen. Die innere Aufregung der Protagonistin legt sich. Sie ist vollkommen ruhig, als die Bibliotheksleiterin sie dem erwartungsbeladenen Publikum vorstellt. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Autorin richtet nun selber ein paar persönliche Worte an ihr Publikum, leitet das Thema kurz ein. Dann liest sie. Als sie damit fertig ist, applaudieren alle sehr lange. Schon hebt eine junge Frau die Hand, stellt eine Frage. Andere folgen ihrem Beispiel. Eine anregende Diskussion schließt sich der Lesung an. Es werden Bücher verkauft. Die Autorin signiert stolz. Glücklich fährt sie nach Hause und mit ihr eine angenehme Erfahrung, die sie niemals missen möchte. Die erste Lesung.

Fantasy und Literatur

von Ralph Müller-Wagner

Obwohl Fantasy immer mehr an Beliebtheit unter den deutschen Lesern gewinnt, steckt sie noch tief in den Kinderschuhen. Mancher Verleger oder Literaturkritiker runzelt die Stirn, wenn er guten Fantasy-Stoff von Autoren angeboten bekommt. Im konservativen Oberbayern tun sich sogar manche Veranstalter schwer, wenn Autoren aus ihren Fantasy-Romanen lesen wollen. Hexen- und Vampirgeschichten vereinen sich eben nicht mit den Prinzipien katholischer Glaubensgemeinschaften. Dabei vollzieht die beste Literatur eine Synthese zwischen Fantasy und Realismus, weil Fantasy ganz klar auf die objektive Realität reagiert. Somit ist der phantastische Realismus untrennbar mit der literaturkritischen Nomenklatur verbunden.

Fantasy in den Mittelpunkt des literarischen Themas transportieren. Durch die Kraft unserer Gedanken eine Welt der Vorstellung erschaffen, in der Protagonisten sich im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse bewegen. Die fantastischen Welten nach Ursache und Wirkung hinterfragen. Wie auch das geheimnisvolle Wesen der Natur und dem fiktiven Universum. Selbst das Unfassbare ist ein untrennbarer Bestandteil unseres Lebens. Es begegnet uns mehr oder weniger im Alltag. Manch einer mag nur nicht darüber sprechen, weil er meint, der andere belächelt ihn und glaubt nicht an Wunder. Aber ist es nicht schon fantastisch, wie sich das Leben vollzieht? Welches Wunder Mensch aus einer winzigen Eizelle in die objektive Realität geboren wird? Von der wir nicht einmal wissen, ob sie nicht auch ein Produkt der Fantasie ist, wenn man einige Vertreter der neuen Physik richtig interpretiert? Die Welt existiert nur, wenn man sie beobachtet, besagt eine Theorie. Also wer beobachtet uns dann? Und wer ist unser geistiger Schöpfer? Der Schöpfer des uns bekannten Universums? Fantasy? Jeder darf ruhig einmal tiefer darüber nachdenken.

Fantasy-Literatur fordert die Kreativität aller Autoren heraus, die ihr Handwerk verstehen sollten. Sie können ihre (geborgte?) Fantasie ausleben, denn Gegenwärtiges ist so gegenwärtig, dass es bereits langweilig erscheint, weil man den Alltag kennt. Der fantastische literarische Stoff wird nicht langweilig sein, wenn Autoren plastisch arbeiten, in die Figuren gehen, in deren Gedankenwelt aus Träumen, Sehnsüchten, Wünschen und inneren Auseinandersetzungen.

Mythen, Sagen, Märchen, Legenden, Folklore, Fabeln, mystisches Mittelalter, Horror, dunkle Welten, schwarze Magie, heroische Abenteuer, Zwerge, blutige Schwertkämpfe, grimmig kalte Gebirgsregionen, wundervolle Wald- und Wiesenlandschaften, andere Naturgesetze, neuartige Flora und Fauna und natürlich unverwechselbare neue Wesen, mit Eigenschaften ausgestattet, die überirdisch sind, unterscheiden die vielen Formen des weit umfassten Begriffes Fantasy. Manch einer, der heute in sozialer Kälte lebt, flüchtet sich in diese Welten und wärmt seine Seele damit auf. Wie einst das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern.

Heute flüchten immer mehr Menschen aus der oftmals kalten, realen Welt in die Fantasy, weil unsere rationale, materialistische Gesellschaft alles Übernatürliche und Okkultistische ablehnt. Warum eigentlich? Keiner weiß wirklich, was sich unter unseren Schädeldecken abspielt, was die Wissenschaft das Leben aus ihrer Sichtweise zu erklären versucht. Selbst Moleküle und Atome müssen eine Art Bewusstsein auf transzendenter Ebene besitzen. Woher sollten sie sonst wissen, wie sich zum Beispiel ein materieller Körper zusammensetzt? Was war eher da? Geist oder Materie? Und ist es nicht der Geist, welcher die Materie durchtränkt?

Gedanken sind frei. Und in Freiheit sollte sich auch die Fantasy-Literatur bewegen dürfen. Ohne Vorurteile und Verleumdungen. „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ haben schon längst die Welt erobert.

Francis Bacon – ein modern denkender Naturwissenschaftler sagte einmal:

Wir dürfen das Weltall nicht einengen, um es unseren Grenzen des Vorstellungsvermögens anzupassen. Wir müssen vielmehr unser Wissen ausdehnen, so dass es das Bild des Weltalls zu fassen vermag.

 

Interview Marion Fiedler

Marion Fiedler

Ralph Müller-Wagner: Hallo Marion, endlich klappt es mal, dass wir über dich und deine Projekte plaudern können. Du bist eine gefeierte Sängerin, Komponistin und Bandleaderin. Deine musikalischen Reisen führen dich nach Amerika und Europa. Wie kam eine so romantische, dynamische junge Frau wie du zum Jazz, wo doch die meisten Sängerinnen eher im Mainstream Erfolg suchen? Wie hat alles angefangen, als dich die Muse küsste?

Marion Fiedler: Danke für die schmeichelhaften Worte. Ich freu mich auch, dass wir heute miteinander sprechen können! Den Weg zum Jazz fand ich durch meine Gesangslehrerin Janis Deyda, die mir sehr viel beigebracht hat. Sie hat meine Ideen kanalisiert, meinen natürlichen Gesang mit Techniken verfeinert, die längst zu einem Teil meines kreativen Selbst geworden sind. Wenn man auf der Bühne steht, wird dir viel abverlangt. Sie hat es hinbekommen, dass ich Stück für Stück Gesangstechniken erlernen konnte, die mich auf den Beruf als Musikerin vorbereitet haben. Darüber hinaus hat sie mir neben Musical und anderen Genres eben auch den Jazz empfohlen. Als ich bewusst die ersten Stücke gehört und Noten analysiert hatte, öffnete sich mein Herz für diese faszinierende Musiktradition. Ich habe aber mit Ideen eines Singer-Songwriters angefangen, vom Gesang her klang ich eher nach Pop. Diesen bin ich immer treu geblieben. Sie sind für mich gleichwertig zu allen anderen Stilen, die ich singe, performe oder in welchen ich neue Kompositionen oder Songs verfasse.

Ralph Müller-Wagner: Wer hat dich damals entdeckt und gefördert oder warst du Autodidakt?

Marion Fiedler: Ich glaube nicht daran, dass ein Künstler entdeckt wird. Der Regelfall ist, wie ich es immer wieder beobachte, dass man sich ein Bandprojekt selbst aufbaut, und darum ein Netzwerk sucht, welches durch Geben und Nehmen ein stetes Vorankommen und Weiterentwickeln ermöglicht. Und so habe ich vielen Leuten sehr viel zu verdanken. Das sind meine Lehrer, aber auch die Mitglieder meines Kreativteams. Ich glaube, dass ich durch die Auftritte am meisten gelernt habe. In der Uni lernt man die Flügel zu schlagen, aber auf der Bühne erst breitet man sie aus. Ich bin an der Stelle auch sehr dankbar, dass mich meine Musiker und insbesondere Johannes Gerstengarbe von den Ballroom Studios Dresden, so intensiv begleitet haben. Ich glaube, wir feiern bald unsere zehnjährige Zusammenarbeit. Ich bin ein Mensch mit vielen Ideen. Dankbar für alle Partner und Unterstützer, die mir täglich beim Kanalisieren und Umsetzen helfen.

Ralph Müller-Wagner: War es dein Ziel oder Traum nach Nashville zu gehen, um dort an der Belmont University Musik zu studieren? Nashville bedeutet Tradition und hat eine bestimmte Musikszene geprägt. In deinen Songs bemerkt man schon diesen Einfluss.

Marion Fiedler: Ich habe Familie in den USA. Geschichte und Kultur dieses Landes begeistert studiert. Gerade was die Musik anbelangt, zieht es mich immer wieder in die USA und natürlich die Sprache, die ich in Europa gar nicht komplett ausleben kann. Ich fühle mich in den Südstaaten sehr wohl. Auch deshalb, dass ich an der Belmont University studieren durfte. Ich habe dort im Gesangsunterricht meine eigenen Stücke, sowie Klassiker aus Jazz und Pop gesungen. Um diesen Unterricht fächerten sich alle anderen notwendigen Studienfelder auf. Gerade mein Zweitfach Komposition und Songwriting war mir während der Ausbildung sehr wichtig. Nachdem ich alle Tagespflichten abstudiert hatte, bin ich dann manchmal bis Mitternacht in den Überräumen geblieben, um meine Stimme zu trainieren und Kompositionen zu schreiben. Ich möchte es mal so sagen. Nashville ist zu meiner zweiten Heimat geworden, im Herzen sicherlich zur ersten. Als strebsamer Musiker findet man in der Musiktradition von »Music City USA« einfach so viele Gleichgesinnte, dass ich mich inmitten des kreativen Überflusses in dieser Stadt einfach viel natürlicher ausleben konnte. Klar ist das Level und entsprechend der Anspruch an einen selbst super hoch. Es gibt auch viel mehr Konkurrenz, egal in welchem Genre. Aber es gibt eben auch viele Gleichgesinnte und tausende von Musikern, die wie ich mit dem Herzen und der vollen Leidenschaft spielen. Ich freu mich jedenfalls, dass du den Einfluss hörst.

Ralph Müller-Wagner: Wie haben dich die Amerikaner damals aufgenommen? Wie interpretieren sie deinen Stil? Ist er für sie nicht nostalgisch?

Marion Fiedler: Ich gebe dir Recht, dass ich anfangs in Nashville nicht komplett reingepasst hatte. Und weil ich das gespürt hatte, hielt ich auch in den ersten Tagen eine gesunde Distanz, so wie man das halt macht, wenn man erst einmal in einen neuen Kreis an Gleichgesinnten eintaucht. Der Abstand hielt aber nicht lange. Ich wurde herzlich und begeistert aufgenommen, in Projekte integriert und hatte schnell viele neue Freunde und Kollegen, Projekte und Austauschsmöglichkeiten. Ich fühle mich in Nashville beziehungsweise in den USA immer willkommen, auch wenn ich seit Anfang an schon als anders wahrgenommen wurde. Ich nenne mal ein paar Beispiele. Von meiner Persönlichkeit her spielt in meinem täglichen Bewusstsein Umweltschutz eine große Rolle, mehr, als das meiner Kommilitonen. Auch die Liebe zur Natur, zum Laufen, habe ich nicht bei allen Amerikanern gefunden. Das beeinflusst natürlich auch meine Liedthemen. So wie die Persönlichkeit oder der Lebensstil anders war, brachte ich eben auch andere Ideen in die Musik. Ich denke, dass Jazz auf allen Kontinenten etwas Nostalgisches hat. Auch bestimmte Singer-Songwriter-Stile schimmern durch das Fenster der Vergangenheit, schaut man sich im Vergleich den Mainstream-Markt an. Musik die mit echten Instrumenten und lebenden Spielern entstehen darf, ist aber gerade aus diesem Grund etwas Besonderes.

Meine Songs werden seit Anfang meiner Karriere immer schon als ein Gemisch verschiedener Stile und Einflüsse, als Pop-Jazz angesehen. Und der Weg, den ich gehe, hat allein daher schon etwas, was andere Musiker nicht leben, weil ich eben nicht im Dunstkreis der »Music City« aufgewachsen, jetzt aber eng mit der Stadt verbunden bin. Wenn man viel reist, ändern sich die Hörgewohnheiten. Je verschiedener die Musik ist, mit der man zu tun hat, desto facettenreicher wird die eigene Weitsicht. Genau das wird aber mitnichten belächelt. Ich habe es eher als Grundlage eines intensiven Austauschs erlebt. Viele meiner fellow students sind dann einfach auf mich zugekommen, wollten etwas nach Französisch oder gar Deutsch übersetzt bekommen, wollten meine Meinung zu üblichen Jazzkadenzen hören. Sie haben mich für bestimmte Dinge konsultiert und ich habe ganz andere Fragen gestellt. Aber dies ist nicht nur eine Auffälligkeit, die man zwischen den Traditionen in den USA und Europa erkennt, sondern eben auch zwischen Musikern, die alle einen bestimmten künstlerischen Fingerabdruck entwickeln. Was mich zum Beipiel am meisten fasziniert hat, ist die Kraft der amerikanischen Stile. Das ist in jedem Genre etwas anderes. Der Jazz hat in den USA eine ungeahnte Tiefe. Alles was Richtung Pop oder Pop-Country geht, ist vom Format her auf Erfolg geschneidert. Für mich ist dies alles einfach faszinierend. Ich höre da gern zu und staune. Besonders das, was Kraft und Seele hat, inspiriert mich. Und da denke ich auch an die Kreativität der amerikanischen Jazzszene.

Ralph Müller-Wagner: Hast du musikalische Vorbilder und inwieweit haben dich diese geprägt?

Marion Fiedler: Wie ich bereits gesagt habe, sind viele meiner Vorbilder manchmal in meiner unmittelbaren Umgebung – von meinen Bandmitgliedern lerne ich täglich neues dazu! Mein Produzent beeindruckt mich mit seiner Stilsicherheit, und jeder Musiker bringt Farben in das Gemisch meiner Songs, von denen ich lerne. Ich habe aber auch Idole der Musikgeschichte und des aktuellen Musikmarktes. Und das sind nicht nur Mainstreamkünstler. Wenn ich nur eine nennen sollte, wäre das Ella Fitzgerald. Ihr Weg beeindruckt mich, und ihr sagenhaftes Talent.

Ralph Müller-Wagner: Du hast einen ganz eigenen Stil in deiner Musik gefunden, die in Richtung Pop tendiert. Wie würdest du heute deine Kunst bezeichnen und in welche Richtung wirst du dich weiter entwickeln? Jeder Musiker hat doch seine Träume und will sie irgendwann ausleben.

Marion Fiedler: Danke, dass du das fragst. Ja, ich habe viele Träume. Ich träume von bestimmten Bühnen und davon, dass meine Band und ich von der Musik leben können. Bestimmte Träume lebe ich bereits. Zum Beispiel, dass ich eben stets neue Lieder schreibe, die meine Zuhörer begeistern. Allein den Kreis an Menschen um mich zu haben, die mich unterstützen, ist eine riesige Ehre. Denn ein Sänger ist erst ein Sänger, wenn er ein Publikum hat. Ein weiterer Traum, der bereits in Erfüllung gegangen ist wäre, dass ich Menschen inspirieren darf. Ich höre täglich von meinen Zuhörern, dass sie die neuen wie auch die älteren Lieder inspirieren und stärken. Dies erfüllt mich auf unbeschreibliche Weise. Und da ist es mir auch egal, in welchem Stil der Song geschrieben oder produziert war – dort zählt nur, dass ich Menschen durch Musik berühren kann.

Ralph Müller-Wagner: Dein künstlerisches Thema „Auf dem Weg sein“ gefällt mir prima. Auch eines meiner Bücher beschreibt die verschiedenen Wege des Lebens. Unberührte und spannende Wege scheinen Künstler zu inspirieren. Welche Metaphern stehen hinter deinem Thema oder ist das ein Geheimnis?

Marion Fiedler: Ich bin auch bereits Autor. Weiß wie schön es ist, wenn ein Buch entsteht und veröffentlicht wird. Was deine Frage zu meinem Weg betrifft, möchte ich kurz und knapp sagen: Ich war schon immer auf der Suche. Meine Lieder beschreiben recht ehrlich, welche Vision ich entlang meines Weges erlange. Ich versuche diese Gedanken möglichst direkt zu teilen, weil ich weiß, dass ich nur durch diese Offenheit oder auch Direktheit einen Draht zu meinen Zuhörern aufbauen kann, der von Bedeutung ist. Und Bedeutung ist das, was Musik hörenswert macht. Klar kann auch mal ein Lied nur vom Tanzen handeln. Aber selbst dort darf man Wortspiele oder Metaphern einbinden.

Ich denke, dass mich der Weg deshalb so fasziniert, weil ich ein Ziel habe. Für Umwege offen bin und den Prozess genieße. Weil ich nicht allein bin, sondern gemeinsam mit meinen Musikern, mit meiner Familie, meinen Zuhörern und den Menschen, die an mich glauben und mich unterstützen, wenn ich unterwegs bin. Ich versuche auch all das zurückzugeben. Daher sind viele meiner Songs von Dankbarkeit erfüllt. Sie beschreiben dieses großartige Gefühl, welches durch den Austausch mit Gleichgesinnten und Leuten, die in die gleiche Richtung sehen wie du selbst, entsteht. Das trifft besonders auch die Musiker, die den Weg eines aufstrebenden Künstlers mit mir gemeinsam gehen. Ich habe um meine Band ein Kollektiv aufgebaut, in dem Kollaborationen möglich werden. Unsere Mitglieder stammen von allen Kontinenten. Wir halten die Zahl klein und nehmen nur zuverlässige und nach Professionalität strebende Künstler mit in die Gruppe. Die letzten Jahre bin ich vor allem im Austausch mit solchen fleißigen Künstlern auf meinem Weg vorangekommen. Indem man teilt, stärkt man sich gegenseitig!

Der Weg, den ich während meiner Reisen erlebe, ist auch landschaftlich und durch die Begegnung mit den unterschiedlichsten Menschen spannend. Das weiß jeder, der eine Reise tut. Allein der Fakt, dass man eine bestimmte Vision haben darf, dass man während der Freizeitmomente nur bei sich ist und sich besonders in fremdem Umfeld stets neu entdecken darf, inspiriert mich jedes mal neu. Und eben auch besonders die Geschichten und Begegnungen mit den verschiedenen Menschen, an die man sich stets erinnern wird.

Ralph Müller-Wagner: Wie entsteht bei Marion Fiedler ein Song? Ist zuerst die Musik, der Text oder ein bestimmendes Thema da und wie entwickelt er sich dann?

Marion Fiedler

Marion Fiedler: Manche Lieder entwickle ich über Jahre. Die Blockaden sind meist zeitgebunden, oder weil ich für das Konzept noch länger nachdenken und auch in Büchern etc. forschen möchte. Manche Songs entstehen binnen weniger Minuten und erfahren auch nur wenige Änderungen. Es gibt Lieder, die habe ich im Feld geschrieben, während ich mit meiner Hündin getobt hatte. Die Bewegung, das Erlebnis, die zündende Idee, die sich während weniger Minuten zu Form und Vollendung entwickelte – solche verrückte Songs kommen mir. Das ist dann ein aufregendes Gefühl, und recht wenig Arbeit. Diese steckt man dann zum Beispiel in das Arrangement, das dort etwas richtig Schönes passieren darf. Das Liedbeispiel vom Feld heisst »Funky Monkey«. Ich habe diesen Funk-Song meinem Hund gewidmet. Man kann dazu hervorragend tanzen! Ein zweiter Song, auf den ich sehr stolz bin ist »It’s Not Impossible«, wie auch »Funky Monkey« kommt dieser auf mein neues Album, dessen Release in ein paar Monaten sein wird. Den Song über die Freundschaft, dessen Titel übersetzt „Es ist nicht unmöglich“ heißt, habe ich so leise ich es vermochte, auf dem Nachtzug von Prag nach Dresden geschrieben. Ich hatte ein spannendes Wochenende hinter mir, mit Musik und vielen Konzerteindrücken, die ich unbedingt zu Papier bringen wollte. Die Ideen stauten sich bereits in meinem Kopf an, aber erst als ich im Zug war und eine ruhige Minute hatte, konnte ich sie aufschreiben. Das war damit verbunden, das in dem Song eine sehr persönliche Geschichte steckt, die mich extrem traurig gemacht hat. Immer wenn ich selbst so ergriffen bin, brauche ich länger, bis ich für den Song offen bin. Aber auch in diesem Fall schrieb ich das Lied sehr schnell auf, notierte sogar kurz vor dem Aussteigen noch den letzten Satz und staunte nicht schlecht, dass der Song recht gut klang, als ich ihn dann im Studio performte. Auch dort hatten wir das Lied nur an eine andere Produktion angehangen. Und ich wusste, dass weniger als dreißig Minuten Zeit war, um die Produktion zu beenden. Entsprechend schnell ging in diesem Fall auch das Produzieren.
Manche Lieder, die ich für Wettbewerbe schreibe, entwickeln sich aber über Monate. Weil ich eben auch Feinheiten einwebe. Für mein Projekt neue Strukturen wähle, die die Juroren bisher auch immer gehört und gelobt hatten. Auch die Songs für die Gesangsprüfung meines Musikstudiums, die ich letztes Jahr mit Bestnote und Lob absolviert habe, sind über viele Jahre entstanden. Man feilt hier und da noch einmal, weil man eben auch möchte, dass die Komposition eine sehr große Tiefe erhält. Dennoch ist es nicht mein Anspruch, alle Songs so auszubauen. Mir ist es lieber, wenn der Song sich selbst definiert, und dies passiert am ehesten, indem ich ihn über die Jahre oft aufführe und immer mal wieder für meine eigenen kritischen Ohren spiele. Dann kommen mir die besten Ideen, was dem Lied noch schmeicheln würde. Und so entwickelt sich ein Song, von der Idee bis hin zum fertigen Arrangement.

Ralph Müller-Wagner: Gratulation. Und wie wird ein Album geboren? Wie lange dauert der Prozess von der Idee bis zur Fertigstellung und Release?

Marion Fiedler: Wie beim Entstehen von Liedern, sicherlich auch beim Bücherschreiben, ist der Prozess jedes Mal anders. Mein aktuelles Album »Rolling On«, ist über sieben Jahre entstanden, weil es den Abschluss meines Musikstudiums darstellt und ich recht perfektionistisch an das Album rangeganen war. Ich hatte ursprünglich mehr als tausend Lieder geschrieben, von denen ich gewählt hatte. Das waren hauptsächlich die Songs von den letzten Jahren, aber auch ein paar ausgebaute Kompositionsideen von meinen ersten Stücken überhaupt. Allein die Wahl der Songs war unheimlich aufreibend, weil jeder eine Geschichte erzählt, und mir jeder einzelne auf seine eigene Art und Weise wichtig war. Mein Team hat mich bei der Wahl der Songs unterstützt. Die Produktion verlief auch über die sieben Jahre. Johannes Gerstengarbe von den Ballroom Studios hat mir viele Termine ermöglicht. Ich habe dann die Band eingeladen, das Notenmaterial verteilt. Viele Songs hatten wir bereits mehrere Jahre gespielt. Eine Aufnahme im Studio war für mich schon immer der Anlass, das Arrangement auf den Punkt zu bringen. Dabei haben mir die Band und Johannes auch immer geholfen. Eine Idee zu einem Album könnte auch heißen, dass man nur ein Thema gestaltet. Das ist bei mir nicht so. Es sei denn, man akzeptiert meinen Entwicklungsprozess der vergangenen sieben Jahre als Aufhänger. Mein Album ist eine Zusammenstellung der schönsten Stücke, die ich während des Studiums geschrieben habe. Worauf ich übrigens sehr stolz bin. Ich habe mich selbst erfolgreich um die Finanzierung gekümmert. Kein Label und kein Vertrieb haben mir da geholfen. Von den Produktions- und Masteringkosten bis hin zu den Musikergagen, Layout und Musikvideos, habe ich alles selbst über Kampagnen und kluges Wirtschaften mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln finanziert. Bei meinem ersten Album »My American Songbook« war das genauso. Jetzt hoffe ich, dass sich »Rolling On« erfolgreich entwickeln und dass es sich auch gut verkaufen wird. Ich bin auf die Songs super stolz. Gespannt, wie es meine Zuhörer annehmen werden.

Ralph Müller-Wagner: Kannst du dich noch an deine erste Komposition erinnern? War es ein Liebeslied?

Marion Fiedler: Lustigerweise, jein. Ich habe als Kind viel Sport betrieben. Ein paar Jahre lang war ich auch Reiten. Da gab es einen Schimmel namens »Fine«. Sie war immer dreckig, auch wenn ihr Fell eigentlich recht weiß war. So ist der »Dreckschimmelblues« entstanden. Ich denke, das war mein erstes Lied. Kurz darauf folgte auch mein zweites »Brown Eyes«. Und ja. Dies war ein Liebeslied und hatte bereits eine Mollsubdominante im Pre-Chorus. Das Lied ist so verträumt und steckt jeden aufmerksam zuhörenden Konzertgänger an, dass ich es auch heute noch manchmal aufführe.

Ralph Müller-Wagner: Deine Balladen sind sehr anspruchsvoll und haben eine permanente Dynamik, die sich bis zum Crescendo steigern. Schreibst du Balladen lieber? Was sollte deiner Meinung nach eine Ballade transportieren und wie schreibt man eine gute? Newcomer interessiert das bestimmt sehr, lacht.

Marion Fiedler: Balladen sind eine ganz eigene Disziplin. Du sprichst von der Steigerung – das hat mit der Komposition und dem Arrangement zu tun, welche man für jeden Song mit Liebe zum Detail schreiben sollte. Für Balladen muss man geboren sein. Manche Musiker komponieren aus den natürlichen Impulsen der eigenen Musikalität Uptempo-Nummern, und manchen sind eher die Balladen zu Eigen. Ich schließe mich der letzteren Gruppe an. Auch wenn ich gern und leidenschaftlich lockere Nummern schreibe, die animieren und zum Tanzen inspirieren wollen, eben einfach fluffig simpel sein dürfen. Mir fällt es leichter Balladen zu schreiben, da ich als Sängerin in meinen Stücken gern Platz haben möchte und es als Schreibende anstrebe, bewegende Inhalte zu verarbeiten.

Für Anfänger ist es ratsam, dass man alle Arten von Balladen auch schon mal gesungen und gespielt hat. Einfach, dass man in die Spielweisen reinkommt. Ella Fitzgerald hat mal gesagt, dass es sehr schwer ist, eine Ballade zu singen. Man muss den gesamten Song in seiner kompakten Form fühlen, man muss zur Nachricht werden, die gesungen wird. Man muss die Emotion auf der Bühne leben, die dem Song das Fundament gibt, und das Timing und Phrasing ist auch noch mal ein ganz wichtiger Aspekt, den man eigentlich täglich üben sollte. Diese Hinweise an Newcomer sollen aber motivieren. Einfach mit geschlossenen Augen der Lieblingsballade lauschen, und dann eine eigene Version daraus machen. Das hilft, um auf den Weg zu kommen.

Du hast auch gefragt, was eine gute Ballade ausmacht. Dort gibt es verschiedene Ansätze. Für viele Zuhörer und Musiker gilt eine einzige Daumenregel, die durch keine Theorie oder Technik ersetzt werden kann: wenn der Song berührt, ist er ein guter.

Ralph Müller-Wagner: Hört man Marion Fiedler auch mal wieder in ihrer Muttersprache? Wie stehst du zu deutschen Texten?

Marion Fiedler: Ich bin für alles offen. Auf meinem ersten Album »My American Songbook«, obwohl es als amerikanisches Songbook definiert war, habe ich französische und deutsche Lieder integriert. Mir fiel erst nach ein paar Jahren auf, dass dies ein interessanter und nicht zu erwartender Umstand war. Aber die Zuhörer haben es angenommen. Das Album hat sich über 10 000 Mal verkauft. Ich mache mir da natürlich keine Vorwürfe. Manchmal denke ich mir »Glück gehabt«, aber letzten Endes glaube ich auch daran, dass wenn man als Künstler etwas bestimmtes lebt, dass man dann das Publikum auch automatisch mit in die eigene Welt hineinzieht. Damals waren diese Sprachen eben für mich musikalisch wichtig.

Im Moment lebe ich ein eher auf reines Englisch ausgerichtetes Leben, da ich außer mit Freunden und meiner Dresdner Familie auch kaum noch Deutsch spreche. Ich habe aber Lust, irgendwann wieder in Deutsch zu schreiben. Im Moment ist mir der Impuls aber noch nicht gekommen. Ich habe überlegt, dass er mich vielleicht in den kommenden Monaten überraschen wird, wenn ich wieder nach Nashville zurückkehre. In den ersten Monaten in Nashville schreibe ich meist und oft als Gruß an meine Freunde in Deutschland, ein deutsches Lied. Aber wie bei allen anderen Songs lasse ich das passieren, ohne es fest zu planen. Ich glaube daran, dass Lieder dann gut werden, wenn man sie einfach kommen lässt. Ihr dürft gern meine sozialen Medien verfolgen. Mein nächstes deutsches Lied wird auch dort auftauchen!

Ralph Müller-Wagner: Wie sehr berührt dich das Schicksal von Chester Bennington, dem Sänger von Linkin Park? Man redet doch in einer Band miteinander über seine Probleme, wenn man sich seit vielen Jahren kennt.

Marion Fiedler: Das kann ich nicht pauschal bestätigen. Ich habe mit Musikern gearbeitet, die für mich wie Bruder und Schwester geworden sind. Je nach Art und Weise, wie der Musiker in das Projekt dazugekommen ist, beobachte ich aber, dass die Fragen nach Freundschaft und Vertrauen wie in einer Menschengruppe, die sich vielleicht über ein nicht musikalisches Projekt so unterschiedlich zusammensetzt, wie der individuelle Mensch eben auch anders ist. Was ich von vielen Bands höre, die etliche Jahre unterwegs gewesen sind, ist, dass manche Musiker nach vielen Jahren aufreibenden Bandalltags und anstrengenden Tourneen auch nur noch miteinander arbeiten, weil sie es müssen. Zum Glück ist das bei mir im Moment nicht der Fall. Ich habe einen steten Wechsel in der Besetzung meiner Band, aus verschiedenen Gründen. Das hat teilweise seinen Ursprung in meinen Songs. Wenn ich für neue Instrumente schreibe, bitte ich dann eben in einem bestimmten Jahr einen Posaunisten in meine Band. Oder wenn ich von reiner Gitarrenbegleitung eben mal wieder ein Klavier mit dabei haben möchte. Manchmal fällt aber auch durch Umzug, persönliche oder berufliche Umorientierung ein Bandmitglied aus. Das ist in Bands halt so, wie auch im normalen Leben. Was allerdings nicht normal ist – der Druck, den Bands wie Linkin Park über die Jahre erlebt haben. Was man bei Chester Bennington gesehen und gehört hat ist, dass er getrauert hat und diese Gefühle letztenendes auch seine Performance übermannt haben. Ich denke, dass gerade Musiker, die auf der Bühne Emotionen teilen, in ihren Performances sehr offen und immer von der Quelle der eigenen Gefühle zehren müssen. Ich denke, dass die Musik persönliche Gedanken verstärkt. Ich selbst bin traurig, dass Chester Bennington in seiner Trauer so versunken war, dass er sich das Leben genommen hat. Ich erinnere mich an seine Musik. Als ich noch Schulkind war, haben wir im Freundeskreis sehr oft Linkin Park Songs gehört. Es erfüllt mich mit Trauer, dass er von gesundheitlichen Problemen und der Trauer so übermannt worden ist, dass er keinen Weg aus den Sorgen gefunden hat. Ich spreche seiner Familie und seinem Team mein herzliches Beileid aus.

Ralph Müller-Wagner: Was sind deine nächsten künstlerischen Pläne? Wann kommt das neue Album?

Marion Fiedler: Wir bereiten gerade die Release-Kampagne von »Rolling On« vor. Mit dem neuen Album werde ich ganz neue Musik präsentieren, die ich eben größtenteils bis heute geheim gehalten habe. Was mir übrigens sehr schwer fällt, da ich es immer nicht aushalten kann, die Songs meinen Zuhörern nicht zeitnah zum Entstehen zu präsentieren. Das Beste an Stücken habe ich aber über die vergangenen Jahre beiseite gelegt, und ich freu mich am meisten auf die Reaktion meiner Zuhörer, online wie auf Tournee! Wenn ihr über das Album und meine Musik informiert werden möchtet, tragt euch einfach in meinen Newsletter ein. Das geht über meine MARION FIEDLER Facebookseite, beziehungsweise meine Website auf www.marionfiedler.com – beim Eintragen in meinen Newsletter erhaltet ihr übrigens einen unveröffentlichten Song, der erst mit dem neuen Album veröffentlicht wird.

Ralph Müller-Wagner: Wann und wohin gehst du wieder auf Tour? Kann man dich auch in Deutschland sehen? Deine letzten Auftritte waren ja in Belgien und an der Ostsee.

Marion Fiedler: Ja, die Tour deutet sich für die USA, Deutschland und weitere europäische Länder an. Ich werde wiederholt nach London eingeladen und die Rufe sind inzwischen so intensiv, dass ich wahrscheinlich recht bald auch in den UK spielen werde. Ansonsten komme ich überall hin, wo man mich ruft. Indem sich Interessierte in meinen Newsletter (der direkte Link ist: www.marionfiedler.com/de/anmelden ) eintragen, habe ich sie mit ihrer PLZ auf dem Schirm. Ansonsten freu ich mich immer, wenn mir Musikliebhaber wie Veranstalter eine Email schreiben. Ich und mein Assistent versuchen alle Anfragen in den Tourplan zu integrieren. Die Tourneedaten sind im Moment noch nicht veröffentlicht, aber ich darf stolz teilen, dass ich im kommenden Jahr auf zwei Kontinenten, vielen Festivalbühnen, in ein paar Theatern und Clubs, sowie auch in einer überraschend hohen Anzahl an Wohnzimmern Konzerte geben darf. Ich spiele gern im gemütlichen Umfeld, und genauso liebe ich große Bühnen. Wenn ihr also einen Club oder ein Festival kennt, beziehungsweise mich zu eurem privaten Event einladen wollt, schreibt mir bitte einfach an marionfiedlerjazz@gmail.com eine Email!

Ralph Müller-Wagner: Hast du manchmal noch Lampenfieber?

Marion Fiedler: Nein, das würde ich so nicht sagen. Als ich in Tennessee Musik studiert hatte, traten bei mir und meinen Kommilitonen gleich zu Anfang des ersten Semesters die üblichen Sängerprobleme auf – Textunsicherheiten, oder das Gefühl, die Musik nicht überzeugend darbieten zu können. Unsere Lehrerin Kathryn Paradise hat uns aber schnell den Kopf gewaschen. Sie machte uns in wenigen, fast wütenden Worten klar, dass wir als Sänger auf Bühnen stehen dürfen, dass uns etwas bis hierher gebracht hat und dass wir mit unserer Performance auch in einenen Namen und sogar in ein Business investieren. Sie meinte, das unser Verhalten, dass wenn wir weiterhin so unvorbereitet in die Performance-Stunde kommen würden, nicht nur für unser Semester eine Konsequenz haben würde. Dies hat mich tief beeindruckt und ich habe mein Üben und Training darauf ausgerichtet. Je vorbereiteter man ist, desto weniger muss man überhaupt an Lampenfieber denken. Es kommt dann gar nicht auf, wenn man sich entspannt zurücklehnen kann vor der Show und eben nicht verzweifelt durch die Liedtexte oder Bandarrangements blättern muss. Die Aufregung, wenn man vor bekannten Leuten spielt, oder auf einer Bühne, die einem soviel bedeutet, dass man sich selbst Stress macht, ist da aber noch einmal ganz etwas anderes. Ich habe bereits vor der Bundeskanzlerin Angela Merkel performt und auf riesigen Bühnen, wo es eben drauf ankam, dass ich mit meinem ersten übrigens a capella dargebrachten Lied allein eine Stimmung aufkommen lasse, in eine Stille hineinsinge, die auch in meinen Knochen zu spüren war. Ich habe an der Stelle aber durch Atmung die Blockade des Moments gebrochen, bin einfach losgelaufen, habe mich auf mich selbst verlassen und hab losgesungen. Ich denke, dass auch diese Art von überwältigender Emotion Lampenfieber ist. Die körperlichen Aufregungen bekommt man dann eben durch Atmen und das Lockern des Körpers geregelt. Alles andere steht oder fällt mit guter Vorbereitung.

Ralph Müller-Wagner: Deine Community auf facebook wird immer größer. Was bedeutet dir Erfolg?

Marion Fiedler: Es ist interessant, dass du diese beiden Fragen in einem Atemzug stellst. Ich fang mal mit der Facebook-Community an. Seit ein paar Jahren teile ich meine Musik über die sozialen Medien und bin damit sehr glücklich. Dort, wo ich online eine Bühne finden kann, nutze ich sie, um meine Zuhörer, die inzwischen aus aller Welt zu meinem Projekt gefunden haben, Grüße und Songs zukommen zu lassen. Ich freu mich über diese Entwicklung, bin aber auch in der Regel täglich auf den Online-Plattformen Facebook, Twitter, Instragram, Youtube und wie sie nicht alle heißen unterwegs. Mir ist es wichtig, auf Kommentare zu antworten, ein Gespräch mit meinen Zuhörern zu beginnen. Inzwischen sind es mehrere tausend, auf Twitter steuern wir gerade auf die 60 000 Followers zu. Das empfinde ich als großes Glück, als Erfolg, da meine Songs dadurch auch auf Reise gehen und als Verantwortung weiterhin gutes Material an Songs und Videos zu produzieren. Erfolg an sich ist aber noch einmal etwas anderes. Da weiss ich auch noch nicht richtig, wie ich dies vor anderen definieren soll. Für mich war ein Tag erfolgreich, wenn ich die notwendigen Vorbereitungen für eine Idee, die ich teilen möchte, getätigt habe. Momente der Freude erlebe ich, wenn das Projekt dann online ist, zum Beispiel ein Musikvideo. Dort hinein kann ich Stunden an Arbeit und finanzielle Ressourcen investiert haben. Nur wenn die Zuhörer es spannend finden, spüre ich dann den Erfolg in mir. Ganz etwas anderes ist es mit der Zufriedenheit. Selbst wenn ein Video nicht die üblichen Kommentare, bestimmte Zahlen an Likes oder Shares erreicht, bin ich auf meine Weise glücklich, denn ich teile nur Songs oder Dinge, die mir am Herzen liegen. Allein ein neues Lied fertig zu haben, ist für mich etwas, wofür man auch mal die Freunde zusammentrommeln kann, um an einem Lagerfeuer einen kleinen, feierlich ausgerichteten Abend zu verbringen. Normalerweise arbeite ich täglich ohne viele Pausen, und genieße dann die Freizeit, wenn ich auf etwas stolz sein kann. Mit dem hoffentlich erfolgreichen Album, wird der Release sicherlich mit einem sehr großen Lagerfeuer einhergehen!