Ralph Müller-Wagner

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Leseproben

Laura Langbein: Die Rettung des Elfenprinzen

1. Kapitel

Das Gold des Morgens

Es war ein schöner Morgen im Frühling. Die liebe Sonne tauchte alle Nebelschleier über dem Elfenland Moorlong in goldene Träumereien und Laura Langbein bummelte betrübt zwischen den schlanken und fetten Gräsern des Wiesentales entlang. Einer Region von unvergleichlicher Blütenpracht. Das Gold glühte jedoch nur zu gewisser Stunde, wenn die meisten Geschöpfe noch fest schliefen. Es galt als besonders wertvoll unter den Elfen und anderen Geschöpfen. Wer es bemerkte, durfte es in sein Herz transportieren. Dieses flammte auf durch sein magisches Licht. Ward mit endloser Liebe erfüllt. Befreit von Kummer und Sorgen.

Auch der trübseligen Heuschrecke, mit dem Namen Laura Langbein, fiel das Gold an jenem Morgen auf. Wie dieses in abertausend Tautropfen schimmerte, als besäßen Rispen und Blütenblätter winzige Lämpchen. Aber der Zauberstrahl wollte Laura Langbeins gutes Herz nicht ergreifen. Es war von tiefer Traurigkeit und Einsamkeit berührt. So beginnt unsere Geschichte, welche im großen Buch der Legenden geschrieben steht. Und wer noch den kindlichen Glauben in sich trägt, Fantasie aufbringt, Geheimnisse zu wahren versteht, kann die Welt der alten Texte ganz leicht durch seine Gedankenkraft erreichen. Ihr glaubt es nicht? Dann setzt euch mit dem Buch, was ihr eben in den Händen haltet, mitten in eine bunte Wiese oder in euren Garten auf eine Bank. Seid still. Schließt eure Augen und schon bald erfahrt ihr das liebliche Klingeln der blühenden Gräser. Das sanfte Rauschen des Windes, der zärtlich die Kronenblätter der Blümchen streichelt. Wenn ihr schließlich alles um euch herum vergessen habt, im Einklang mit dieser anmutigen Welt, dann vernehmt ihr das ewige Zirpen der Grillen und merkwürdige Stimmen in fremder Sprache. Habt ihr dies alles wahrgenommen, öffnet eure Augen einen Spalt breit und ihr könnt Moorlongs Wesen oder vielleicht auch Laura Langbein begegnen. Natürlich müsst ihr ganz fest an sie denken.

Laura Langbein hatte die längsten Beine unter dem Volk der Heuschrecken am Moosbach. Deswegen verspotteten die anderen Geschöpfe das arme Wesen auf übelste Art und Weise. Was musste sich die junge Heuschrecke nicht alles für Schimpfwörter gefallen lassen. Sogar die eigene Familie ärgerte Laura. Dabei besaß sie ein gutes Herz, war hilfsbereit und richtete immer ein aufmunterndes Wort an ihre Nächsten. Was sollte sie auch gegen die langen Beine tun? Der Vater im Himmel hatte das Wesen nun einmal so erschaffen, wie es der Bauplan des Lebens vorsah.

Als Laura Langbein eines Tages ihren Kummer, das endlose Hohngelächter nicht mehr ertragen konnte, beschloss sie, der geliebten Heimat allezeit den Rücken zu kehren. So geschah es schließlich, dass sie auf Wanderschaft ging und bald eine Wanderheuschrecke aus ihr wurde. Die traurige Gestalt kam mit dem Frühling ins Wiesental. Die Landschaft gefiel ihr vom ersten Augenblick an. Das Grün der Wiesen erschien ihr im Sonnenschein grüner als die Wiesen am Moosbach. Die Blütenblätter der Blumen blühten kräftiger und in der Luft lag ein geheimnisvolles Raunen, das Lauras Fantasie beflügelte, was sich wohl dahinter verbarg.

So passierte es, dass sie an besagtem Morgen wieder allein durch die endlosen Reihen der hohen Rispengräser spazierte. Einmal gelangte sie zu einer lieblichen Glockenblume, deren zarte Blätter sich graziös im Wind wiegten. Da setze sich die Heuschrecke auf den Hosenboden, lehnte sich vorsichtig an ihren Stil, damit sie diesen nicht verletzte, und dachte über ihr Dasein nach. Malte sich in Gedanken aus, wie schön es doch wäre, Freunde zu haben, die einen anerkennen und mögen. Sie schüttete der Glockenblume, die gerne zuhörte, ihr Leid aus. Schon bald waren sie unzertrennliche Freunde.

© by Ralph Müller-Wagner

Die Wege der tausend Erinnerungen

Wege

Es ist Sommer. Ich laufe durch die ausgetrockneten Straßen der Innenstadt. Die Luft ist warm. Angenehm warm. Eisdielen, Biergärten und Cafés regieren. Schmucke Kellnerinen winden sich durch die engen Reihen fröhlicher, durstiger Gäste. Dieses Milieu bietet unverwechselbare Szenarien. Es werden Bekanntschaften geknüpft und Liebschaften geboren. Blickt man in die Gesichter der Dahineilenden, kann man ihre Sorgen erahnen, ihre Freuden und Ziele. Immer wieder wechselt ein hübsches Mädchen mit langen geraden Beinen an mir vorüber, schaut in die Auslagen der Geschäfte: Schmuck, Hüte, Kosmetik. Sie verwirrt meine Sinne. Ich lächle Sie an. Sie geht und wirft mir einen abfälligen Blick zu. Bezaubernd ihr kurzer, enger Rock, dessen Schlitz bei jedem Schritt ihre schlanken Beine zeigt. Auch ich sehe mir die Auslagen der Geschäfte an: Schmuck, Hüte, Kosmetik. Und stehe wieder bei ihr. Jetzt lächelt sie, lächelt nur den Auslagen zu, aber wühlt meine Seele auf. Es ist ein Lächeln, das man nie vergißt. Alles liegt darin. Hoffnung. Sehnsucht. Verlockung. Anmut. Traum. Dieses versteckte Lächeln galt mir. Ich will sie ansprechen, doch sie verschwindet schon wieder nach einem kurzen, tiefen Blick in meine Augen im Strom der Dahineilenden. Versonnen gehe ich weiter. Mit dem Mädchen. In Gedanken. Als ich Lindenduft und geheimnisvolle Stille einatme, ist mein Weg beendet. Mein Ziel erreicht. Der Stadtfriedhof. Zweimal die Woche suche ich diesen Weg, auf dem ich Leute treffe, denen ich oft begegne. Die ich manchmal fragen will, was sie her führt. Aber dann würden sie mich dasselbe fragen. Darum schweige ich und plaudere meine Gedanken über Ihn, den Tod, nie aus. Ich könnte ja jemanden damit verletzen. Es muß also keiner wissen, dass mich die vielen Geheimnisse neugierig machen, die in den Grabsteinen verborgen schlummern. Irgendwann liege ich ebenfalls in geweihter Erde. Ich spüre den Sog und das tiefe Unbekannte.

Vor einem aufgetürmten frischen Hügel, der mit Kränzen und Blumen geschmückt ist, verweile ich wehmütig. Ein niedliches kleines Mädchen mit blonden Zöpfen sieht mich von einem Bild an, das zwischen all den Blumen aufgestellt ist. Sieben rote brennende Windlichter umsäumen das Bild und weben es in ihren Strahlenkranz ein.

"Warum?" frage ich leise und blicke verständnislos in den tiefblauen Himmel. Es ist fast still, als ich mich gedankenversunken auf eine Bank setze, die sich unter einer dicken vernarbten Linde befindet. Sie duftet und scheint zu summen. Ich schaue entzückt in ihr dichtes Blattwerk. Entdecke unzählige eifrige Bienen. Wie merkwürdig unsere Welt doch ist. Unter der Erde der Tod. Das ewige Geheimnis. Süß. Bitter. Fremd. Herbeigesehnt. Verachtet. Darüber die sich aus der Knospe schälende Blüte. Das Leben. Süß. Bitter. Fremd. Herbeigesehnt. Verachtet.

"Hast du das Püppchen gesehen? Es gesehen?" fragt klagend ein altes, gebrechliches Mütterlein. Langsam schlurft es auf mich zu. Setzt sich ungeniert neben mich. Das Leben hat tiefe Falten in sein verbranntes Gesicht geformt. Nur die Augen glänzen noch. Warme, beruhigende Augen. Ich fühle eine zittrige knochige Hand auf meiner Schulter. "Ja, ich habe das Püppchen gesehen."

© by Ralph Müller-Wagner

Zwischen Anpassung und Widerstand

Spuren hinterlassen

... Der Alte spürte Peters Empfinden. "Wir Menschen leben auf dem Planeten zwischen Anpassung und Widerstand. Ein einziger, zeitloser Kampf. Den wir oft verloren. Und aufs Neue verlieren werden. Die Erde wird sich grundlegend verändern. Die wenigsten erahnen, in welch umwälzender Evolutionsphase wir heute leben. In absehbarer Zeit gibt es ein Monopol auf Trinkwasser. Afrika ist verwüstet. Alle Mittelmeerländer stehen unter Wasser. Das stolze England versinkt in den Fluten. Vorher ist der magnetische Pol der Erde verdammt schnell Richtung Osten gewandert und hat unser gesamtes Satellitensystem auf den Müllhaufen der Geschichte geschleudert. Gigantische Polarlichter leuchten über Deutschland, das bis Köln von Norden her geflutet ist. Und aus Island wird ein neuer Kontinent geboren. In den Alpen baut man Reis, Bananen und Kaffee an. Es ist so heiß, dass keiner mehr wagt, aus den Häusern zu gehen. Die Sonne brennt uns den Krebs auf die Haut. Aber in der Niederlage werden wir stark sein. Weil wir immer stark waren und wiederkamen. ..."

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Laura Langbein und die Reise zum Elfenschloss

1. Kapitel: Laura, Tränen und die Ankunft des Blumenelfen

Es war ein schöner Morgen im Elfenland Ghondor, und Laura Langbein saß unter einer Glockenblume und sang sich einmal mehr ihren Kummer von der Seele.
So beginnt unsere Geschichte einer kleinen Heuschrecke, die von den Elfen mit silbernen Füllfederhaltern niedergeschrieben wurde, damit die Menschenkinder und im Herzen Junggebliebene sich daran erfreuen mögen.

So tretet ein in diese Welt des Elfenlandes Ghondor, lernt Laura, Max, die Kräuterbeerla kennen und erfahrt etwas mehr über eine Welt, die man ganz leicht mit seinen Träumen erreichen kann...

Laura Langbein war nicht gerade eine Schönheit unter den Heuschrecken und sie lebte auf einer ewig blühenden Wiese, im Süden des Elfenlandes Ghondor. Ihre Hässlichkeit blieb ungeschlagen und überall, wo sie auftauchte, verspottete man das Not leidende Geschöpf. Die Wühlmäuse suchten erschrocken das Weite, wenn Laura Langbein ihnen begegnete und riefen entsetzt: "Sie ist ein Monster!", obwohl keines der kleinen Pelztiere jemals ein Wort mit der jungen Heuschrecke wechselte.
Sogar der Fliegenpilz jagte Laura fort, wenn sie Schutz vor dem Regen unter seinem breiten Hut suchte und die stolzen Honigbienen summten hochmütig: "Wir würden uns schämen, mit diesem Gesicht durch die Welt zu fliegen."

Dieser Spott und die rücksichtslosen Beleidigungen ließen Laura bitter und einsam werden. Dabei besaß sie ein reines, gutmütiges Herz, was aber die Wenigsten wussten. War behilflich, wo sie nur konnte und schenkte jedem Bewohner im Wiesental ihr bescheidenes Lächeln.
Aber selbst ihr Lächeln rief bei den Anderen Angst und Grausen hervor, da es Lauras Herz noch mehr entstellte.

Und da sie ihren Kummer mit der Zeit nicht mehr ertragen konnte, begann sie zu singen.
Oft saß sie unter einer zartvioletten Glockenblume, um über ihr trauriges Dasein nachzudenken. Sie malte sich in Gedanken verträumt aus, wie schön es doch wäre, Freunde zu haben, die sie anerkennen und ohne Vorurteile gerne haben würde.

Diese heimlichen Sehnsüchte und Gedanken legte die kleine Heuschrecke in ihre Stimme und ihre Lieder. Sie sang so allerliebst, alle Geräusche auf der Wiese verstummten, die Bewohner stoppten in ihren Tätigkeiten und lauschten gebannt den feinfühligen Melodien.

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Das Geheimnis der Zaubertreppe

Das Geheimnis der Zaubertreppe

Bald zog der Sommer mit seinen langen Tagen und kurzen Nächten ins Land. Die Elfen richteten ihm zu Ehren ein Fest in Blumtal aus. Sie feierten es jedes Jahr. Es war das Fest der Sommersonnenwende. Auch wenn sich die Elfen, Feen und Geister untereinander oft derbe Streiche spielten, während der Festtage waren sie eine verschworene Gemeinschaft und hielten zusammen.

Schon am frühen Morgen flog oder trippelte das kleine Volk geschäftig auf der Festwiese umher. Kobolde mit kurzen Stupsnasen, dichten roten Haaren und stechenden braunen Augen räumten fleißig trockenes Gras und dürre Zweige beiseite. Die Baumelfen zimmerten aus frisch gehobelten Brettern eine Bühne zusammen, auf der musiziert und getanzt werden sollte. Den Blumenelfen wiederum war die Aufgabe vorbehalten, den Festplatz zu schmücken. Sie hatten Körbchen mitgebracht, die mit den prächtigsten Blütenblättern gefüllt waren. Die Blumen gaben ihre Blätter gerne dafür her, denn sie liebten den Sommer und die Sonne sehr. Bald war ein Teppich in Form einer großen Blume zusammengesetzt, der so herrlich aussah, dass alle in ihren Tätigkeiten inne hielten und staunten.

Kurz darauf kam ein Blätterwagen angefahren, den zogen bunte Schmetterlinge hinter sich her. Als er den Wiesengrund erreichte, stiegen neun Elfen in grünen Gewändern vom Wagen herab. Sie trugen ebenfalls in jeder Hand einen Korb, gefüllt mit verschiedenen Früchten, Beeren und Pilzen. Zu einem Fest gehörte nämlich auch ein richtig guter Festschmaus.

Viola verteilte unterdessen die rosaroten Blätter der Seerosen, die sie vom Waldsee mitgenommen hatte und als Sitzkissen für die Gäste dienen sollten. Sie hatte ihr schönstes Kleid angelegt und ihre blauvioletten Augen strahlten so klar wie dieser Morgen. Dachte sie an den bevorstehenden Abend, an dem gelacht, gesungen und getanzt wurde, füllte sich ihr Herz mit innerer Freude und Dankbarkeit gegenüber dem Leben. Dass sie ein Teil dieser wunderbaren Welt sein durfte.

"Sei gegrüßt, Viola", rief plötzlich eine helle Knabenstimme von einem offenen Mohnblumenwägelchen herab, vor dem drei dicke Steinhummeln gespannt waren. Als das Wagengefährt sicher auf dem Wiesengrund stand, stieg ein hübscher Knabe mit blond gelocktem Haar aus und ging zu der Blumenelfe hin. "Erinnerst du dich noch an mich?", sprach er weiter. "Wir begegneten uns im letzten Altweibersommer. Du hast genau dieses Kleid getragen und warst den Tränen nahe."
Natürlich erkannte Viola ihn sofort. Es war Orchis, der Betreuer des stattlichen Knabenkrautes. Sie verlief sich damals im Blumtaler Wald und kam nach Heutau, einer waldreichen Gegend mit saftigen Fettwiesen. Dort lebte Orchis mit seinen Gefährten auf Burg Wildenstein, einer uralten verlassenen Feste. Viola blieb ein paar Tage in Heutau. Orchis lehrte sie, auf Hummeln durch die Lüfte zu fliegen. Er zeigte ihr zum ersten Mal in ihrem Leben einen Regenbogen und führte sie durch die ehemaligen herrschaftlichen Räume der Burg.
"Wie kannst du nur so etwas sagen", antwortete Viola, als sie die Erinnerungen an die schöne Zeit einholten. Sie war so angenehm überrascht, dass ihr vor Aufregung das Körbchen mit den Seerosenblättern aus der Hand rutschte. Sie umarmte Orchis wie einen guten Freund und führte ihn über den Festplatz, wo die Vorbereitungen gerade ihr Ende fanden.

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Winterwelt

Wenn Wolken weinen

Ein frostiger Wind wehte von den Hängen des winterlichen alpinen Gebirges ins Taubental herab, von dem nur wenige Insider Kenntnis besaßen. Es erstreckte sich über mehrere Kilometer und der malerische Taubensee, zwischen dichten Wäldern eingebettet, lag mitten im Herzen dieses unverwechselbaren Landschaftsschutzgebietes, im Norden Österreichs. Rick beobachtete den eben noch unangetasteten Schnee, der jetzt leicht aufwirbelte. Dabei erfuhren seine unzähligen Kristalle weithin sichtbar, himmlische Aufmerksamkeit. Die mittägliche Märzsonne tauchte sie verspielt, wie in sich selbst verliebt, in vergängliche Impressionen, die für den Augenblick bestimmt sind. Die in der rosigen Ewigkeit einmal ihre ganz eigenen Erinnerungen erfahren, da Gott sie für jede universelle Seele, mit seiner unendlichen Liebe festhält. Rick durfte diese besinnlichen Momente schon in der Jetztzeit genießen. Die dünnen schmalen Bretter seiner Langlaufski zogen zügig ihre Bahn durch den frischgefallenen, knöcheltiefen Pulverschnee. Er wollte den zugefrorenen Taubensee an seiner breitesten Stelle überqueren und seinen Rekord vom vergangenen Jahr unterbieten. "Stay cool, Ausländer!" rief ihm der dickbäuchige Wirt von der "Alten Säge" gestern Nacht noch lachend hinterher, als er sich schwankend von den Stammtischzechern verabschiedete. Das Hefeweissbier hatte ihm gehörig den Verstand vernebelt. Der junge Deutschlehrer aus London mochte die gastfreundlichen aufgeschlossenen Menschen des kleinen Tiroler Bergdorfes sehr. Er mochte ihre Hilfsbereitschaft und ihre humorvolle Art untereinander. Er schätzte die mühsame Arbeit der Bergbauern und der örtlichen Handwerker. Am meisten liebte er jedoch die Einsamkeit der rauen Bergwelt. Die ersten Boten des Frühlings. Die bunten duftenden Almwiesen des Sommers. Die kreativen Farben des Herbstes. Schließlich die prahlende weiße Macht des Winters, der ihn mit all seinen Reizen umwarb. Ja, Rick fühlte sich auf der Sonnenseite des Lebens, die tief in seine Lesbensphilosophie eingewebt war. So tief, dass sie niemand aus seinem Herzen herauszutrennen vermochte.

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Hexe, Vampir & Magier

Wenn die Blätter fallen

Die ersten Strahlen der Oktobersonne brachen durch den grauen Wolkenhimmel. Sie streichelten mein Gesicht. Belebten die Sinne unter der Haut. Lockten den unbändigen Geist in mir heraus. Stimmten ihn neugierig. Ich blickte auf dichte Bergwälder - vom malerischen Herbst in bunte Kleider getaucht. Verzaubert wiegten sie sich sanft im lauen Morgenwind, der an diesem Tag ein wahrer Schmeichler war. So drängte es mich in das Freie.

Nach einiger Zeit bemerkte ich eine grosse kräftige Person, völlig in schwarz gekleidet, die in immer gleichmässiger Entfernung vor mir lief. Egal wie schnell ich war. Der Abstand zwischen uns wich um keinen Zentimeter. Blieb ich stehen, tat die Person es mir gleich. Lief ich weiter, um bald wieder im Schritt inne zu halten, trieb der Fremde seinen Schabernack und ahmte mir nach.
Wie brachte er in Erfahrung, wann ich stehen blieb? Wie schnell oder langsam ich lief? Er drehte sich nie nach mir um.
Von wo kam er eigentlich? Er war mir bisher nicht aufgefallen.
Also hatte ihn das Nichts auf den Weg gespuckt, besuchte mich ein törichter Gedanke.

Der Fremde trug eine lange Mönchskutte. Hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Pechschwarzes, langes glattes Haar stahl sich aus der Kopfbedeckung hervor und der Wind wehte es über seine breiten Schultern. Merkwürdig erschien mir auch sein lautloser, fast schwebender Gang. Ich vernahm das Rascheln des Laubes nur unter meinen Schritten. Glaubte, dass sein Schuhwerk nicht einmal den Waldboden berührte.

Was suchte ein Geistlicher - wie ich vermutete - zu dieser frühen Stunde allein im Wald. Es befand sich weit und breit kein Kloster in der Nähe, dass seine Herberge hätte sein können. Warum trug er diese altmodische Kleidung? Sie erinnerte eher an historische Filme. Die Art seiner geheimnisvollen Erscheinung zog mich jedoch permanent in ihren Bann. Ja, sie fesselte mich.
Als sich der Weg hinter einer scharfen Biegung gabelte, lief der Fremde geradeaus weiter. Immer tiefer in den bergigen Wald hinein.
Ich folgte ihm natürlich. Versuchte nun, in seine unmittelbare Nähe zu gelangen. Meine Schritte wurden schneller. Seine auch. Ich rannte ein paar Meter. Er tat es mir gleich. Ich konnte den Fremden schlicht nicht einholen.

War er ein Trugbild meiner Fantasie?

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Mystisches Mittelalter

Memento mori - die Rache ist mein

Enge Strassen wanden sich durch die Wohnviertel der Stadt Murmos, die zu den Toren der Befestigungsmauern führten. Die mit Steinplatten gepflasterten Strassen waren mit Bürgersteigen und Übergängen versehen, auf denen die mit Eisen beschlagenen Räder mehrerer Wagengefährte knirschten, die von Maultieren gezogen wurden.
Es war um die Mittagszeit und die Stadt lag im schaurig schönen Klang rythmisch donnernder Trommeln, die ein schändliches Spektakel ankündigten. Ein vom Klerus und der Obrigkeit, bis ins kleinste Detail inszeniertes Martyrium, um den Pöpel bei Laune zu halten. Seine Blutlust zu stillen und die eigene uneingeschränkte Macht zu demonstrieren.

Ein tiefroter Schein flackerte gespenstisch über dem Marktplatz. Ausgelöst von unzähligen lodernden Fackeln. Die wabernde Luft war angereichert vom ausgehenden Geruch verbrannten Peches. Abertausende Gaffer säumten in einer Art tierischer Besessenheit das Blutgerüst. Sie wurden von bewaffneten Landsknechten in Schach gehalten, die um das theatralische Areal eine Kette gebildet hatten. Näher am Schafott standen die feinen Edelleute der Stadt und der angrenzenden Provinz. Mönche umliegender Klöster und Abteien.

Der König sass mit seinem Gefolge auf einer eigens präparierten Tribüne, nahe der Hinrichtungsstätte. Agilar war ein hochgewachsener stattlicher Mann mit harten Gesichtszügen, die zum Ausdruck brachten, dass er keine Widerrede duldete. Seine kalten grünen Augen schienen ohne Leben zu sein. Nur der Hochmut stahl sich aus diesem Grün jenseits aller Barmherzigkeit. Er trug einen mit Goldplättchen besetzten, kurz gefiebelten Mantel auf der Schulter. Darunter Gewänder aus feiner Seide und Brokat. Wie er sich erhob, an das Geländer herantrat, sich stolz und erhaben dem Pöpel präsentierte, fror das Trommeln und das Kreischen der Massen schlagartig ein. Als ob sich ein eiskalter Schauer über sie niedergelegt hätte.

"Keine Seele in diesem Land verrät den König ungeschoren an den Feind!" verkündete er laut und deutlich seinen Unmut. "Nicht einmal das eigene Fleisch und Blut sei davon gefeit. Bitter war die Erfahrung, vom Freunde verraten zu werden. Dadurch sind zwei wichtige Burgen im Norden des Landes in die Hände des Feindes gefallen. Aber der Verräter ist gefasst!" Ein Aufschrei kreiselte durch den Pöpel.
Agilar brachte die Meute mit einer heftigen Armbewegung wieder zum Schweigen. "Fünf Dinge können nie und nimmer zurückgenommen werden. Die versäumte Gelegenheit. Das gesprochene Wort. Der abgeschossene Pfeil. Das vergangene Leben und das unabdingbare Urteil des Königs!"

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Ich glaube nicht an Geister...

Das verlassene Grab

"Sie ticken doch nicht ganz richtig, Peechie!" sagte der Gefängnisdirektor giftig. Dabei huschte ein spöttisches Lächeln über sein wächsernes Gesicht, in dem zwei leere Augen steckten. "Ihre Geschichten sind ebenso heruntergebrannt wie das Feuer im Kamin und wenn Sie mich fragen, was ich mit der Glut Ihrer schwachsinnigen Gedanken anfangen soll, sperren Sie ihre Ohren auf. Ich spüle sie einfach mit einem Glas Bourbon hinunter, kapiert! Ausgerechnet Sie, ein gestandener Schulmediziner, glaubt an Geister und Spukgeschichten. Nein ... wirklich. Sie tun mir leid, Peechie."

"Oh danke, mein alter Freund", erwiderte Peechie gelassen, der den Sarkasmus richtig einzuordnen verstand. "Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Die Menschen stehen im Brennpunkt kosmischer Kräfte. Gut möglich, dass die heilige Lanze, der Speer des römischen Soldaten Longius, welcher Jesus von Nazareth traf, tatsächlich ein Instrument schicksalhafter Mächte ist. Herrscher aller Epochen haben nach ihm gegriffen."
Spider brach in schallendes Gelächter aus.
"Purer Schwachsinn und Sensationshascherei dazu", mokierte er sich wieder, Peechie einen Vogel zeigend. "Dann haben alle Mörder und Schwerverbrecher in meinem Gefängnis nach jener Lanze gekrallt, wie? Oh Gott. So viel Schicksal auf einmal. Diese armen Mörder. Alles im Sinne ehrenhafter Mächte. Haben Sie einmal an die Opfer gedacht, Peechie? An die Geschändeten und Toten, Peechie? Haben Sie jemals an Sie gedacht? Soll ich Ihnen sagen, an was ich glaube? Ich glaube an das Gesetz im Staat West Virginia und an meinem Job. Daran glaube ich, Peechie!"

"Ich erzähle Ihnen noch eine andere Geschichte", antwortete der hünenhafte bärtige Mann ruhig, Spiders Ausführungen ignorierend. "Grinsen Sie nicht so unverschämt. Ich versichere Ihnen, Sie werden heute noch platt wie eine Flunder sein und Ihre Nichtachtung gegenüber verborgenen Kräften des Universums revidieren müssen."
"Witzbold!" erwiderte Spider scharf. "Auch wenn eben die Geisterstunde angebrochen ist. Ihre Story wird keine zehn Cent wert sein."
"Ich hoffe, in Ihrer Bar ist noch eine volle Flasche Bourbon reserviert", gab Peechie nun ebenfalls ironisch zum Besten. "Die werden Sie nämlich brauchen, wenn Sie die Geschichte vernommen haben."

Er lehnte sich lässig in den wuchtigen Ledersessel zurück. Schlug die Beine übereinander. Setzte ein geheimnisvolles Gesicht auf und begann im sachlichen Ton eines Radiosprechers zu erzählen.

"Die Geschichte nimmt ihren Anfang in einem Zuchthaus, drüben in Kansas und hat sich auf den heutigen Tag genau vor einhundertzwanzig Jahren zugetragen."

© by Ralph Müller-Wagner

Schneeflocken, Tannenzweige & Kerzenwachs

1. Kapitel: Benny, ein Baumhaus und viele Tränen

"Benny? Ehe die Dämmerung einsetzt, will ich deinen Hintern auf der Ofenbank sitzen sehen!" sorgte sich Mutter Dachs. "Sonst bekommst du morgen Hausarrest. Habe ich mich klar und deutlich genug ausgedrückt?" Sie hängte ihrem Jungen einen kleinen Beutel mit getrockneten Heidelbeeren um den Hals.
"Teile sie dir ein. Nasche nicht so viel. Sonst wirst du kugelrund wie Rüsselschwein Schlammbrecht." Sie blickte zum Himmel auf, wo es gerade zu schneien anfing und zog ein unschlüssiges Gesicht.

Benny verdrehte die Augen. Er hörte Mutter Dachs nie richtig zu, denn in seinem kleinen Kopf gingen die Gedanken stets eigene Wege. Benny tat nämlich immer das, was ihm am Besten gefiel.
Um es treffender zu formulieren. Er hatte überhaupt keine Lust, Mutters Sorgen zu teilen. Oft ermahnte sie ihn, er solle doch seine Sachen in Ordnung halten. Aber was tat Benny? Kaum war er aus der Dachsburg, zierte schon ein Dreieck seine Latzhose, weil er an irgendeinem Ast hängengeblieben war. Oder es trieb ihn zu seinem Lieblingsplatz im Wald. Wo er so richtig nach Lust und Laune faulenzen konnte.
Benny hatte ganz allein ein Baumhaus im Geäst einer Linde errichtet. Keiner traute ihm das damals zu. Nicht einmal seine engsten Freunde. Benny und handwerklich begabt? Sie lachten sich halbtot, als er ihnen davon berichtete. Ein Dachs hatte ihrer Meinung nach einfach nichts in einem Baumhaus zu verlieren. Er gehörte seit undenklichen Zeiten in seine Dachsburg.
Darum hielt Benny den Ort seines Meisterwerkes lieber geheim.

"Mache dir keine Sorgen", beruhigte er die Mutter. "Ich will am Schwertsee ein paar Tannenzweige sammeln und mein Häuschen damit abdecken, bevor der Schneefall dichter wird."
Er rümpfte die Nase. Schnupperte an der frischen Winterluft, die ihm gut tat.
Frau Dachs schüttelte ratlos den Kopf. "Was soll ich nur mit dir machen, Benny? Seit dein Vater gestorben ist, machst du alles nach deinem Willen. Ach, wie mir dieser Mann fehlt", jammerte sie. "Gott sei seiner barmherzigen Seele gnädig. Wüsste er von deinen einfältigen Ideen, würde er sich im Grabe herumdrehen."
"Vater wäre stolz auf mich", brüstete sich Benny. "Was du alles kannst, Junge. Wir Dachse sind immer für Neues aufgeschlossen. Dein Onkel ist nicht umsonst ein angesehener Geschäftsmann. Das würde er mir sagen, liebe Mutter."
"Dein Onkel ist vierundzwanzig Jahre alt", ermahnte sie ihn. "Du hast im vergangenen Sommer deinen neunten Geburtstag gefeiert, wenn ich daran erinnern darf. Du bist ein Kind. Und Kinder sollten auf ihre Mütter hören. Wenn dir etwas zustößt, bin ich ganz allein. Hast du nie daran gedacht?" Tränen schossen ihr in die dunklen Augen. Tränen einer liebenden Mutter.

Jetzt weint sie auch noch, dachte Benny. Ich muss schleunigst verschwinden. Sonst komme ich hier nie fort. Er gab Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Wünschte ihr einen schönen Tag und verschwand bald hinter den schneebehangenen Büschen.

© by Ralph Müller-Wagner

Das große mystische Märchenbuch

Das große mystische Märchenbuch

Randolf, der Igel, war mit Frau Eiche aus dem Heutaler Wald befreundet. Oft besuchte er die liebenswerte Riesin, die immer Rat wusste und für jedes Wesen unter dem weiten Himmel Ghors gute Worte fand.

Eines Abends im Sommer, die Sonne tauchte Wiesen und Wälder in ein Gold, wie es schöner nicht hätte sein können, suchte sie der Igel besonders schnell auf. Frau Eiche wollte ihm eine uralte Geschichte erzählen, die sich einmal in Ghor zutrug.
Er konnte es kaum erwarten bei ihr zu sein...

© by Ralph Müller-Wagner

Tschernobyls Tränen der Hoffnung

Schmerz

Eine Strähne deines Haares
ich zitternd berühre
mein liebendes Herz
in Sehnsucht getränkt

Dein sanfter Blick
im Gold des Morgens erwacht
süßes Lächeln eingewebt
in Schleiern der Erinnerung

Magischer Klang deiner Stimme
wie von Glas gezupft
deiner Seele Herrlichkeit
die Größe des Menschen ehrt

Finsternis den Alltag zeichnet
Wind weht Trauer übers Land
seit dein junges Leben
erstickt in seinem Mantel

Im Tal der Tränen Bitterkeit
Fragen zieht der Erdenweg
du bist gegangen und doch nicht fort
Hoffnung blüht - Elysium

© by Ralph Müller-Wagner

Hatifa - und der Stern von Massena

Kapitel 1
Der Sturm

Es war die unbändige Kraft des Frühlings, die Hatifas Herz in einen blühenden Garten der inneren Freude verzaubert hatte. Das sonnengebrannte, hübsche Beduinenmädchen, mit den schwarzen langen Haaren, wanderte gern zu den fruchtbaren Wiesen am See Genezareth, wenn es sich einsam fühlte. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Hatifa dabei den Anemonen, die mit den Butterblumen verwandt sind und im tiefen Ton königlicher Gewänder grüßten. Manchmal kam es Hatifa so vor, als befänden sich auf ihren Blütenblättern kleine Gesichter, die sie liebevoll anlächelten. Oh, wie glücklich und geborgen sich das verschlossene, stille Mädchen in jenen Augenblicken wusste. Dass es einfach da sein durfte auf dieser Welt.

Ist es nicht herrlich in den Frühling zu laufen, kleine Hatifa? Seine Wärme zu spüren, seinen Wind und seine unendliche Freiheit? Wäre es nicht das Maß aller Dinge, wenn die Menschen in Eintracht miteinander leben und sich gegenseitig achten würden? Denke ruhig über die Welt nach, die durch dein Wesen bereichert wird. Wer viel fragt, der weiß auch eine ganze Menge.

Hatifa mochte nicht nur Blumen. Sie liebte alle Menschen. Sie liebte Gott, den weiten Himmel über ihrer Heimat und das stille klare Wasser im See Genezareth, an dessen Ostufer ihre Siedlung lag. Sie liebte auch die geheimnisumwobene Wüste Negev, im Süden des Landes, wohin sie einmal den Beduinen Aschket mit seiner Karawane begleiten durfte.
Das Mädchen verstand es mit seinen zehn Jahren sogar recht gut, eine Herde meckernder Ziegen zu hüten. Kehrte Hatifa aus der Schule heim, wusch sie Wäsche, besserte Kleider aus, kochte Essen. Sie erledigte den ganzen Haushalt und pflegte noch ihre kranke Mutter, die an einer seltenen Augenkrankheit litt, ein Leben am Rande der Finsternis führte.
An den Vater konnte Hatifa sich nicht mehr erinnern. Er verließ die Familie, als sie noch im Sandkasten mit dem Eimer spielte. Er ging ohne Worte und kam nie zurück. So war Hatifas bewegtes Leben ausgefüllt, mit der Arbeit einer erwachsenen Frau.
Das Mädchen stand an jenem Nachmittag am Fenster seines Zimmers. Hinter zugezogenen Gardinen beobachtete es verstohlen seine lustigen Schulkameraden, die mit dem Ball spielten. Ein Lächeln huschte über sein trauriges Gesicht.
Wie gerne würde es jetzt bei ihnen sein. Ja, wann hatte Hatifa eigentlich das letzte Mal mit anderen Kindern gespielt? Sie vermochte sich nicht daran zu erinnern.

"Es tut mir sehr weh, wenn ich dich leiden sehe, mein Kind", überraschte sie die Mutter mit schwacher Stimme. "Du bist tapfer, genügsam, klagst nicht, sprichst nie über deine Sorgen und Wünsche. Du bereitest mir jeden Tag Freude, Hatifa.
Ich wollte dir schon lange einmal sagen, dass du die Sonne in meinem Herzen bist. Von dir geht ein so wunderbares warmes Licht aus. Ich fühle es ganz intensiv. Entschuldige bitte, wenn ich nur meine Liebe erwidern kann."
Hatifa streichelte zärtlich ihre Hand, küsste und tröstete die kranke Frau. "Was kann eine Mutter mehr geben als Liebe. Gräm dich nicht. Es geht mir gut, weil du das Wichtigste in meinem Leben bist. Einst wird der Tag kommen, wo deine Krankheit besiegt ist!"
Die Mutter schloss das Mädchen dankbar in die Arme. "Ich weiß, du betest heimlich für mich", sagte sie nun mit einem Zittern in der Stimme. "Du zündest oft eine Kerze für mich an, schaust nachts in den Sternenhimmel, wenn du leise mit Gott sprichst. Sage ihm bitte das nächste Mal, wie stolz ich auf dich bin. Er soll es ruhig wissen."
"Gott hat nie geantwortet", beteuerte Hatifa traurig. "Ob er mich überhaupt anhört? Manchmal glaube ich, er sieht mich gar nicht. Vielleicht bin ich für ihn nur einer von unzähligen Sternen, so wie ich sie am Himmel sehe und mir vorstelle, einer von ihnen könnte Gott sein. Aber welcher? Sie schauen alle gleich aus."
"Gott ist immer bei dir", bemerkte die Mutter sinnend. "So wie er immer bei mir ist. Manchmal denke ich, er webt uns kleine Botschaften in die Träume, damit wir das große Leid besser ertragen. Aber wie schnell sind Träume vergessen, weil wir sie für unwirklich halten oder gar nicht wissen, dass wir geträumt haben. Ach, warum kommt uns das Leben nur so bitter?"
Hatifa schmiegte sich fest an die Brust der schluchzenden Mutter. Das Mädchen überlegte, womit es ihr etwas Freude schenken könnte. Früher war ihm das sehr leicht gefallen, als Mutter sich noch jenseits der Dunkelheit bewegte.

Suche die Herrlichkeit des Frühlings auf, kleine Hatifa. Trage seinen Blütenzauber tief in dein Kinderherz hinein.
Vielleicht spürt es die Mutter, deren Schönheit im Bett der Tränen und des Schmerzes langsam verwelkt. Geh in die Welt hinaus, lass dich vom Leben treiben, so wie die Feder im Wind.

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, saß Hatifa mitten in einer der prächtigen Wiesen, welche den See Genezareth umsäumen. Sie trug eine dieser bunten süßen Shorts und ein Baumwollhemd dazu und durchschweifte das Land bis an die bewaldete Hügelkette hinüber, die den Horizont säumte, unter dem alle Vögel fröhliche Melodien zwitscherten. Hatifa schloss die Augen. Lauschte gebannt und als sie die Augen wieder aufschlug, meinte sie, die Hügel in der Ferne bildeten einen lindgrünen Kelch und der Himmel eine gigantische türkisblaue Blume. Eingebunden, in grenzenloser warmer Freiheit.

© by Ralph Müller-Wagner